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Luder mit Luxus und Leidenschaft

Luder mit Luxus und Leidenschaft

Derilova und Wade triumphieren mit “Manon Lescaut” in Dessau.

„Wieder tranken wir Wein und hörten uns ‚Manon Lescaut‘ an, eine Oper, in der der verworrene Text kaum die wirren Duette und ekstatischen hohen Töne rechtfertigt. Halb mutwillig spielten wir mit dem Gedanken zu heiraten.“ So der schwule Ich-Erzähler in Edmund Whites Roman „Und das schöne Zimmer ist leer“ über Giacomo Puccinis ersten großen Opernerfolg.

von Roland H Dippel

 Auch am Anhaltischen Theater Dessau gelang es nicht ganz, dieses Melodrama nach dem Sitten- und Schelmenroman des Abbé Prévost (1731), bei dem Puccini gleich vier Textdichter zur Verzweiflung trieb, in eine logische Wahrscheinlichkeit zu bringen. Die in Dessau zu erlebende turbokapitalistische Travestie bröselte in der Mitte etwas und mündete zum letzten (Zweipersonen-)Akt doch noch in die ganz große musikalische Ekstase. Fast schon Alltag am Anhaltischen Theater: Mit Iordanka Derilova, Ray M. Wade, Jr. und unter GMD Markus L. Frank wurde die Premiere der nur selten so differenziert musizierten Knall-Partitur zum großen Abend. Beglückter Applaus.

Einmalig gefährlich! [ wpp_count ]

Im Schulkostüm nestelt Manon nach nur zwei Minuten persönlichem Erstkontakt beim lesenden Studenten und Gelegenheitsjobber Des Grieux an der Hemdknopfleiste. Sie hat sogar im Gefängnis perfekte Fingernägel in Pink. Kurz vor ihrem Tod durch Verdursten checkt sie ab, ob der Konsumramsch noch im Koffer ist. „Manons Schuld wird man vergessen, doch meine Liebe stirbt nicht.“ singt Iordanka Derilova mit nach flutenden Vokaleruptionen noch immer mühelos perfektem Piano. In den ersten beiden Akten macht die Bulgarin vergessen, in was für heikle Mezzo-Lagen Puccini Sopranistinnen treibt, und singt auch noch da, wo andere nur noch schreien und röcheln.

Eine großartige Leistung auch, weil Iordanka Derilova mit Lust zum Biest Manon wird und doch Sympathien für eine Frau weckt, die letztlich nur Ärger bringt. Wenn sie ihrer schwächlichen, hier keineswegs lustgreisigen Finanzspritze Geronte (untypisch belcantesk: Don Lee) den Spiegel vorhält, zeigt das animalische Grausamkeit. Manon ist selbst schuld an ihrem Schicksal. Und nebenbei macht Iordanka Derilova deutlich, wie viel Puccinis „Manon Lescaut“ und Bernsteins durchtriebene Cunegonde in „Candide“ gemeinsam haben: Das berühmte Solo von der „kalten Spitzenpracht“ ist hier das Synonym für „Glitter and be gay“.

Die aufgemotzten Übertitel bringen das Libretto auf den heutigen Punkt. Manons Bruder Lescaut „zockt sich um den Verstand“ und mit Kostadin Arguirov ist demzufolge weder vokal noch optisch gut Kirsch essen. Er und alle Solorollen verschwinden, da imitiert Puccini Verdis „Otello“-Dramaturgie, aus dem Geschehen: Am Ende bleiben nur noch Sopran und Tenor bei einem Müllschacht auf dem Spielfeld. Erst verschwindet die unter mangelnder szenischer Legitimation leidende, aber betörende Madrigal-Sängerin Anne Weinkauf nach ihrem Minutenauftritt und dann auch David Ameln, der in gleich drei fetzigen Partien brilliert: als Rabauken-Arbeiter Edmondo, als schwuchteliger Ballettmeister, der am liebsten selbst neben Manon an die Tabledance-Stange will, und als zwielichtiger Polizist, der ganze Bündel Bestechungszaster einstreicht. Realsatire und Klischee immer dicht an dicht. Ray M. Wade, Jr. kommt als Opfer Des Grieux, der für Manon zum Zocker und Kriminellen wird, den ganzen Abend nicht aus dem beigen Anzug heraus. Masochismus kann so wunderschön sein: Die vier Arien, seine Szenen mit Iordanka Derilova und alles andere in dieser fordernden Partie singt er mit erfreulich wenigen Tränen im viril hellglänzenden Tenor. Hier erweisen sich Puccinis überdeutliche musikalische Plagiate aus Catalanis „Loreley“ im zweiten und vierten Akt als Vorteil.

Container für Waren und Freier

Katharina Thoma zeigt in ihrer Inszenierung kein französisches Spätbarock: Die Welt ist amazonisiert und ein einziger Umschlagplatz des Online-Handels. Zwischen Containern, Frittenbude und Rosttonne tummeln sich die Billig-Avatare von Lady Di und Katharine Hepburn. Alles dreht sich um Jobben und Shoppen. Da hat jede Chordame ihren kleinen großen Auftritt, während der Herrenbestand im Niedriglohnsegment echt ätzend ist. Sebastian Kennerknechts Chorensemble hat tolle Momente bis in den dritten Akt, wenn man Frauen statt Waren Richtung Strafkolonie abtransportiert.

Im zweiten Akt wird es leider unlogisch, wenn ein halbechtes Madrigal-Ensemble auftritt und das Regieteam offenbar nicht den rechten Mut dafür findet, seine Ideen mit angemessener Schärfe zu verdichten. Man ahnt also nur ansatzweise, dass es sich beim Vintage-Rokoko von Manons Etablissement um einen Fetisch von Steuereintreiber Geronte handelt. Das ästhetische Niveau der Box mit Champagner-Kübel im Séparée und Teleshopping auf dem Monitor entspricht dem Ambiente eines Mädchens in den Fenstern von Amsterdam, das sich noch nicht richtig traut. Die Regie von Katharina Thoma und ihre Bühnenbildnerin Sibylle Pfeiffer sind den gekonnt ordinären Kostümen von Irina Bartels deutlich hinterher.

Komödie und Tragik in enger Umklammerung

Der kapitalistische Wahnsinn generiert logischerweise Risikoprodukte wie diese Manon. Noch trauriger wird die Story, wenn diese anstelle von Wertsachen nur Kleinkram abräumt, deshalb nicht fliehen will  und von der hier rühmlich genderkorrekten Polizei festgenommen wird.

An „Manon Lescaut“-Aufführungen mit dicken und groben Klängen hat man sich längst so gewöhnt, dass die Deutung durch Markus L. Frank und die passgenau auftrumpfende Anhaltische Philharmonie angenehm überrascht. Denn Puccini wollte 1893 inhaltlich zwar um jeden Preis alles anders machen als Jules Massenet in seiner genialen „Manon“-Oper neun Jahre früher. Dabei schielte er aber doch nach der pikanten Wendigkeit des Vorbilds, das er immer wieder mit bombastischen Klangcollagen verleugnet. Markus L. Frank versucht keine einheitliche Farbe für diese zerrissene Partitur, sondern springt mit prägnanten Kontrasten zwischen den grotesken Momenten, der gewollten Outriertheit mancher Szenen und den Wogen der Leidenschaft, die also nie ganz ehrlich klingen. Dadurch wird „Manon Lecaut“ vom sentimentalen zum packenden Musikdrama. Denn dieses orchestrale Fundament ermöglicht Iordanka Derilova bis zum bitteren Schluss eine brennende Intensität. Als Manon ist sie immer beides gleichzeitig: Großes Luder und Liebende ohne Moral. Dafür hagelt es am Ende langen, begeisterten Applaus.

 

Annotation:

Besuchte Vorstellung: Fr 05.04.2019 (Premiere) – wieder am: Sa 13.4., 17:00 –  Fr 19.04., 17:00 – So 19.05., 17:00 – Gastspiele im Theater Schweinfurt: Di 04.06., 19:30 – Mi 05.06., 19:30 – Fr 07.06., 19:30 – Sa 08.06., 19:30 – Wiederaufnahme im Anhaltischen Theater Dessau in der Spielzeit 2019/20; veröffentlicht am 06.04.2019

Was noch:

Iordanka Derilova singt Brünnhilde in „Die Walküre“ in der Spielzeit 2019/20 am Opernhaus Chemnitz. Nächste Musiktheater-Premiere in Dessau: Antonin Dvorák: „Katja und der Teufel“ ab 25. Mai 2019

Credits:

alle Fotos (c) Anhaltinisches Theater Dessau

 

 

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