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Höre vom Menschen, aber zeige ihn auch

Höre vom Menschen, aber zeige ihn auch

Das Schauspiel meint „Frau Ada denkt Unerhörtes“ und führt dies urauf

Da steht Frau Ada Lovelace auf der Bühne und spricht mit ihrem mechanischen Spielzeug und beschwert sich. Die Mutter hindert sie am digitalen Denken, zu sehr sieht sie im Töchterchen die Anlagen des romantischen Dichter-Genies und herzlosen Vaters Lord Byron: „Wissenschaft ist nur Austausch unserer Unwissenheit gegen Unwissenheit von neuer Art.“ Doch unerhört: Frau Ada lässt sich nicht beirren und denkt Großes: Den nie gebauten Urcomputer des Charles Babbage entwickelt sie weiter und will die Maschine programmieren.

Von Henner Kotte

Von Zeitgenossen und Familie belächelt und missachtet, stellte man den Wissenschaftswert der Arbeiten Ada Lovelaces erst später fest: „Die Grenzen der Arithmetik wurden in dem Augenblick überschritten, in dem die Idee zur Verwendung der Karten entstand, und die Analytical Engine hat keine Gemeinsamkeit mit schlichten Rechenmaschinen“ – das Computerzeitalter hat mit ihr begonnen.

Die digitale Zukunft ist im zweiten Teil des Stückes schon da. Ein Entwicklungsteam hat Homunkulus erschaffen. Ein technisches Wesen, dass plötzlich eignen Geist entwickelt und die Unzulänglichkeiten seiner auf natürlichem Wege entstandenen Macher aufdeckt. Ja, Gefühle kann man simulieren, denken kann die Maschine weitaus besser, sich verstellen auch. Sind die Tränen echt oder wie in den daily soaps nur Schauspielkunst? Fragen über Fragen über Fragen, die zeitgemäßes Theater stellen muss und stellt.

Jawohl „Frau Ada denkt Unerhörtes“ ist ein passender Text zur Zeit. Die Autorin Martina Clavadetscher holt uns eine Pionierin neuen Denkens heraus aus der Vergessenheit: Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace, lebte von 1815 bis 1852 wirklich und gilt heute der Wissenschaft als erste Programmiererin. Insofern ist Adas Geschichte des Erzählens wert. Doch wohnt dieser Nacherzählung kaum Dramatik inne. Die Konflikte werden unangemessen auf eine Puppenebene transferiert und damit verniedlicht. Welch Charakter, welche Stärke muss diese Frau besessen haben! Das konventionelle Familienleben beschränkte ihren Wissensdrang. Der Gatte las für sie in Bibliotheken Bücher und veröffentlichte ihre Gedanken in die Royal Society, die Frauen noch verboten war. Drei Kinder gebar sie, mit 36 starb sie an Krebs. Gedimmt wird dieses Leben hier in der Diskothek des Leipziger Schauspielhauses auf einen Mutter-Tochter-Konflikt – es war wahrlich mehr.

Teil zwo spielt dann in (nicht allzuweit entfernter) Zukunft und zeigt die Konflikte, die entstehen, wenn die Maschine dann den Menschen überlegen. Das ist schlau gedacht, ist es doch das Gegenbild zu den unerhörten Gedanken der Frau Ada. Da die Akteure jedoch auch hier sehr puppenhaft agieren, liegt das dramatische Potential der phantastischen Mär meist brach. Das ist schade, denn so ist und bleibt dieser Theatertext ein Hörspiel. Das solchen Zukunftsvisionen durchaus Dramatik innewohnen kann, bewiesen nicht nur die Klassiker des Genres Staniław Lem, Isaac Asimov oder Philip K. Dick.

So unbeholfen wie der Titel wirkt das Stück. Unerhört! bringt heute keinen aus dem Rhythmus ewig gleicher Tage. Unerhört! waren damaliger Zeit bereits Leben und Werk von Adas Vater. Unerhört! sind heute nicht mal mehr die Meldungen des Tages, ob NSA-Skandal, ob Kinderpornografie, ob Brexit. Es hätte der Dramatik im Texte mehr bedurft und sie hätte es gegeben. Regisseurin Katrin Plötner zelebriert Adas Geschichte als starres Marionettenspiel, und da diesem keine Gefühle innewohnen, bleibt’s ein Holzschnitt, der keine Emotionen auslöst. Teil zwei zeigt das Inverse nun in klinisch sterilem Rahmen. Ja, wo blieb die Angst der Maschinenschöpfer, wenn ihre Kreatur ihr eignes Leben plötzlich formt. Frankensteins Monster lässt grüßen (das ward im Beisein von Lord Byron einst erfunden), hier aber bleibt es eine nette Tusse, deren Ausbrüche nicht wirklich das Gruseln lehren.

Die Spieler der Phantastik Anne Cathrin Buhtz, Katharina Schmidt, Julius Forster und Felix Axel Preißler können ob ihrer Diktion gefallen, da hört man die Nuancen, die dem Text zu selten innewohnen. In ihren Gesichtern kann man Schaudern, Schrecken, auch Liebe lesen. Für ein Hörspiel nicht schlecht, fürs Theater zu wenig.

 

Annotation

„Frau Ada denkt Unerhörtes“ von Martina Clavadetscher, Uraufführung am Schauspiel Leipzig. Regie Katrin Plötner, Bühne Camilla Hägebarth, Kostüme Johanna Hlawica, Musik Markus Steinkellner, Dramaturgie Benjamin Große, Licht Thomas Kalz. Besetzung: Anne Cathrin Buhtz, Julius Forster, Felix Axel Preißler, Katharina Schmidt

 

Was noch?

Besuchte Vorstellung 27.09.2019; veröffentlicht 4.10.2019

Die nächsten Vorstellungen: 05.10., 19.30 Uhr, 18.10., 20 Uhr, 25.10., 20 Uhr

 

Credits

Alle Fotos © Rolf Arnold

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