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Abschied mit Zellers Meisterwerk

Abschied mit Zellers Meisterwerk

Die über ein Jahrzehnt dauernde Intendanz von Dr. Ingolf Huhn am Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz steht auch für viele Musiktheater-Inszenierungen seinerseits mit Uraufführungen, Wiederentdeckungen sowie beliebten Repertoirewerken in handwerklich guter, dem Werk verpflichtender Arbeit. Bei den Greifenstein-Festspielen 2021, früher als von ihm trotz Renteneintrittsalter gedacht, schloss sich diese eindrucksvolle Bilanz mit einer Inszenierung von Carl Zellers „Vogelhändler“. Und sie bereitet dem Publikum, glücklicherweise auch für 2022 weiter im Spielplan, Freude am Meisterwerk des Komponisten im Reich der Operette.

 von Frieder Krause

Die Premiere am 8. August war von zwei guten „Geistern“ begleitet. Einerseits vom niedrigen Inzidenzwert im Erzgebirgskreis, der ein „normales“ Theatererlebnis im bestens besetzten Felsenkessel ermöglichte. Andererseits von einem Wunder im „Schaukel-Sommer“ 2021. Fünf Minuten vor Vorstellungsbeginn – vom Publikum freudig beklatscht – blinzelte die Sonne durch den Wolkenhimmel und blieb für die zweistündige Spieldauer. Selbiges war nicht allein wegen der zahlreichen „Ohrwürmer“ so zahlreich erschienen, etliche wegen ihrer persönlichen Referenz an den scheidenden Intendanten.

Zum Erfolg der Inszenierung trägt natürlich auch das Bühnenbild von Tilo Staudte bei. Mit den Greifensteinen selbst ergibt sich auf natürliche Weise die Bergwelt Tirols. Staudte fügt in diese treffend das prächtige Schloss, den geheimnisvollen Pavillon und das Dorfwirtshaus ein. Letzteres könnte ca. 2 Meter in Richtung Hauptbühne versetzt werden, um Halsverrenkungen der in den ersten Reihen sitzenden Zuschauer zu vermeiden. Dies sollte auch für künftige Inszenierungen berücksichtigt werden. Erika Lust erweitert den Schauwert mit aufwändigen, farbenfrohen Kostümen, die das Dorfvolk, das Militär, Professoren und Hofstaat stilgerecht charakterisieren.

Dies alles ist der ideale Rahmen für das ungemein spielfreudige Ensemble der Solisten und des Chores. Der Chor des Eduard-von-Winterstein-Theaters wird in bewährter Weise von Jens-Olaf Buhrow geleitet und von Sigrun Kressmann temperamentvoll choreographisch betreut. Und bei diesen Festspielen geht nichts ohne Pferde! So als Paradepferd für die Kurfürstin und Kutschen für die Prodekane und das höfische Gefolge. Dafür steht der fachmännische Einsatz der Reitanlage Kahl aus Thum.

Kommen wir nun zu den handelnden Personen: Da gibt es gesanglich wie in der Typencharakeri-

sierung kein einziges Manko. Allen voran Madelaine Vogt als Briefchristl. Ihrem bis in die hohen Lagen klarem Sopran hört man einfach gerne zu. Dazu gesellt sich die gute Textverständlichkeit und ihre Agilität im Spiel. Mit ihren „Sprints“ straft sie die Behauptung  „Nur nicht gleich nicht auf der Stell, denn bei der Post geht´s nicht so schnell“ Lügen und hätte glatt die magere Bilanz der deutschen Olympioniken aufbessern können. Ihr ebenbürtig Timo Rößner als Adam. Glaubwürdig mimt er den bodenständigen Tiroler Dorfjungen in seinen Gefühlen zwischen zwei Frauen und seinem Streben nach Eigenständigkeit. Bei Adams „Ohrwürmern“ wie „Grüß euch Gott“, „Schenkt man sich Rosen“ und „Wie mei Ahnerl“ zeigt er absolute stimmliche Präsenz, tenoral erfüllen sich fast alle Wünsche. Wie erwartet gestaltet Bettina Grothkopf mit aller Würde die Kurfürstin sowie das verkleidete Bauernmädchen Marie. Ihr Sopran strahlt die von ihr vertraute Sicherheit aus, berührend das Lied vom Kirschenbaum. Für den im Sinne seiner Interessen mit allen Wassern gewaschenen Baron Weps wirft Leander de Marel all seine reiche Erfahrung in die Waagschale, auch stimmlich wie gewohnt voller Präsenz. Köstlich sein schnelles Reagieren wie das „Ruhe“ für ein über den Greifensteinen kreisendes Flugzeug oder in launigen Bemerkungen über den „biederen Gebirgsburschen“. Auch Matthias Stephan Hildebrandt und László Varga bringen gleich Marel viel ihrer langjährigen Bühnenpräsenz ein. Für die beiden trotteligen und dennoch berechnenden Professoren Süffle und Würmchen samt ihrem Hit „Ich bin der Prodekan“ sind sie erste Wahl. Letzteres trifft auf die beiden Adeligen, Baronin Adelaide und Graf Stanislaus, nicht ganz zu. Freilich trifft  Anna Bineta Diouf ihr Dasein für die Kurfürstin und ihr Entbranntsein für den Grafen, zudem gefällt ihre warme Altstimme. Dennoch ist sie für diese Rolle einfach noch zu jung. Mit Bettina Corthy-Hildebrandt hat das Annaberger Theater eine geeignetere Solistin für diese Rolle. Jason Lee erfüllt ebenfalls all sein Streben nach Geld mit dem Schwanken zwischen der millionenschweren Baronin und der armen Briefchristl und schließlich der Sehnsucht nach dem sicheren Militärdienst. Auch ist er stimmlich seiner Partie gewachsen. Doch diese Rolle ermöglicht Räume für weitere Schattierungen. Erinnert sei hier an Jens Winkelmann vom Freiberger Theater beim Sommertheater an der Kriebstein-Talsperre. Michael Junge verkörpert treffsicher den Dorfschulzen Schneck mit seinem Suchen für das dörfliche wie das eigene Wohl. Olaf Kaden ist der sonore, korrekte Kammerherr von Scharrnagel, Juliane Prucha die gerissene, schlagfertige Wirtin Nebel und Stephanie Ritter die kecke Kellnerin Jette.

Die musikalischen Fäden hält der erste Kapellmeister der erzgebirgischen Philharmonie Aue,  Dieter Klug, in bewährter Weise zusammen. Solisten wie Chor dürfen sich auf seine Zeichengebung – egal ob sie in den Felsen klettern, seitwärts oder von hinten die Bühne erobern –blind vertrauen. Neben der aktuellen Einspielung unter Klug werden auch Aufnahmen aus dem Jahre 2005 unter der Leitung von GMD Naoshi Takahashi verwendet. Bei allem Bemühen um eine gute Wiedergabe für jeden Sitzbereich zu ermöglichen, wird gerade bei der klassischen Musik ein lebendiges Orchester vermisst. Für den Nachfolger von Dr. Huhn, Moritz Gogg, durchaus eine reizvolle Herausforderung, die schönste Naturbühne Europas wieder mit einem Orchestergraben auszustatten und somit den Originalton wieder zu ermöglichen.

Beim Blick in den bereits vorliegenden Spielplan 2021/22, unter den Pandemiebedingungen  sehr mutig, fragt man sich allerdings sehr, wie Dr. Huhns letzte „Ausgrabung“ – „Die Hochzeit des Jobs“ von Joseph Haas – „verschwunden“ ist. Sie war doch schon bis zur Generalprobe vorgedrungen, Zellers „Kellermeister“ bis zur Hauptprobe . . . Sei es drum, freuen wir uns auf neue, schöne Theatererlebnisse unterm Felsendach und im Eduard-von-Winterstein-Theater.

ANNOTATION

Greifensteine 2021

Der Vogelhändler

Operette in drei Akten von Moritz West und Ludwig Held

Musik von Carl Zeller

Inszenierung                           Ingolf Huhn

Musikalische Leitung              Dieter Klug

Bühne                                      Tilo Staudte

Kostüm                                    Erika Lust

Choreographie                        Sigrun Kressmann

Chöre                                      Jens-Olaf Buhrow

Dramaturgie                            Annelen Hasselwander

Kurfürstin Marie                                         Bettina Grothkopf

Baronin Adelaide                                      Anna Bineta Diouf                                                                                   

Baron Weps,                                             Leander de Marel

kurfürstlicher Wald- u. Wildmeister

Graf Stanislaus, Garde-Offizier,                Jason Lee

sein Neffe

von Scharrnagel, Kammerherr                  Olaf Kaden

Professor Süffle                                        Matthias Stephan Hildebrandt

Professor Würmchen                                László Varga

Adam, Vogelhändler aus Tirol                  Timo Rößner

Die Briefchristl                                           Madelaine Vogt

Schnack, Dorfschulze                               Michael Junge

Nebel, Wirtin                                             Juliane Prucha

Jette, Kellnerin                                          Stephanie Ritter

Chor des Eduard-von- Winterstein-Theaters

Erzgebirgische Philharmonie Aue

Besuchte Vorstellung; Premiere am 08.08.2021, veröffentlicht 22.08.21

Weitere Vorstellungen noch 2021: 25. 08. (Mi), 29.08. (So), 15.00 Uhr,

dann wieder 2022

CREDITS

Quelle: alle Fotos © Ronny Küttner/Photoron-Fotografie

Text © moritzpress und beim Autor

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