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ANDERES  SCHIFF,  ANDERER  TRANK

ANDERES SCHIFF, ANDERER TRANK

Das Repertoire der Oper Leipzig ermöglicht derzeit ein Eintauchen in die Welt von mystischen Schiffen und rätselhaften „Getränken“. Da sind zum einen Wagners „Fliegender Holländer“ und Donizettis „Liebestrank“, nun hat sich das Heiligtum vieler Wagnerianer mit „Tristan und Isolde“ dazugesellt. Selbiges ist vom Chef des Leipziger Schauspiels, Enrico Lübbe, inszeniert worden. Dies hat dem Werk, wie im Vorfeld von manchem befürchtet, keinesfalls geschadet. Dem Hohelied auf die Liebe in seiner irrationalen leidenschaftlichen Sehnsucht wird das Gewandhausorchester unter GMD Ulf Schirmer filigranhaft webend von der ersten bis zur letzten Note gerecht. Dabei wird auch nicht zu dick aufgetragen, am Leipziger Augustusplatz – an dieser Stelle auch unter dem Opernchef – nicht immer üblich. Eine der Institution Gewandhausorchester würdige Leistung. 

                                                                                                                     von Frieder Krause

Wagners „Tristan“ mit seiner literarischen Eposquelle des Gottfried von Straßburg, wird trotz seiner seelischen bildkräftigen Tiefe mit Kammerspielcharakter oft Langweiligkeit nachgesagt.

Nicht so bei Enrico Lübbe. Er findet für das bittere Spiel mit in Todessehnsucht gipfelnder Liebe, einer beratenden Vertrauten, heimtückischen wie helfenden Freunden und königlicher Vergebung durchaus belebende aktionsreiche Elemente. Dies tragen seine Akteure bis hin zu den Herren des Opernchores als Schiffsvolk, Ritter und Knappen (präzis einstudiert von Thomas Eitler-de Lint) mit. Auch das Bühnenbild (Étienne Pluss) mit seiner morbiden Mischung von Schiffsrümpfen und Burgräumen samt Wandelbarkeit dank Drehbühne tragen zur Gesamtwirkung bei. Die zeitlosen Kostüme (Linda Redlin) ebenso. Der Neon-Bildrahmen wirft anfangs Rätsel (auch mit seinem Dauereinsatz) auf, erklärt sich aber schnell als akzep-

table Übergangschance in andere Welten. Lübbe nutzt ihn speziell für das große Duett der Liebesnacht. In diesem Moment entsteht die Gefahr mit zu viel an Aktion die Gefühlstiefe der Szene zu zerpflücken. Nicht immer finden da Tristan  (Daniel Kirch) und Isolde (Meagan Miller)  so zusammen, wie man sich dies erhofft. So treffen zwei große Stimmen aufeinander, denen tonlich die Wärme der Liebe (vor allem bei Kirch) hier noch fehlt.

Dies ändert sich entscheidend im dritten Aufzug, der zu einer Offenbarung gerät. Da wird jede/r empfindsam Liebende da abgeholt, wo er abgeholt werden möchte. Die Wirkung desselben erwächst in erster Linie aus der auf Ruhe setzenden, nicht aber mit aktionslosen Spiel behaftenden Szenerie. Musikalisch eingeleitet mit zartester Melodik der Violinen des Gewandhausorchesters steigern sich die beseelenden Eindrücke. Zu diesen trägt die fabelhafte Gundel Jannemann-Fischer (Englischhorn) wesentlich bei, die auf der Bühne wandernd das weitere Geschehen einfühlsam begleitet. Ja, dieses Weltklasseorchester hat ebensolche Solisten. Von diesen sind weiter zu hören Ingolf Barchmann (Bassklarinette) und Gábor Richter. Letzterer verkündet auf der für diese Inszenierung eigens angefertigten Holztrompete die Ankunft Isoldes. Den Gewandhaussolisten stehen spätestens jetzt alle Gesangssolisten nicht nach. Mathias Hausmann (hatte am 12.10. seine Premiere) glänzt mit seinem facettenreichen Bariton als Kurwenal, Martin Petzold (rollenbedingt leider nur kurz) mit seinem für die Partie des Hirten idealem Tenor und klarster Diktion. Die ausdrucksstarke Brangäne von Barbara Kozelj hat ihre stärkste Szene bereits als vor dem Verrat Warnende im 2. Aufzug, Matthias Stier findet als Melot die heimtückischen Farben seines Freundesverrats. Lange vermutet man in Sebastian Pilgrims Marke die sängerische Bestleistung des Abends. Enorm kraftvoll sein Bass, der diesem König die Würde und die liebende Kraft der Vergebung verleiht. Doch dann kommen Daniel Kirch und Meagan Miller. Wie Kirch Tristans Reise durch die Stadien seiner Liebe im Fieberrausch aufbäumen lässt, ist schlicht und einfach großartig. Und er findet jetzt auch die strahlend warmen Töne des Liebenden. Gibt es da noch eine Steigerung? Ja! Millers Liebestod Isoldes erklingt strahlend ganz in Harmonie mit dem Orchesterklang bis hin zur Verklärung im szenisch gemeinsamen Gang mit dem Geliebten ins Nirgends.

Noch zwei Nachbemerkungen. Gut, dass Enrico Lübbe Wort gehalten hat und das Vorspiel mit den Hauptthemen in all seiner Sehnsucht nicht durch fragwürdige Kommentierungen auf der Bühne beschädigt hat.

Die Oper Leipzig sollte überprüfen, die Übertitelungsanlage etwas tiefer zu legen, da sie speziell von den ersten Reihen (auch erste Platzgruppe) schwer erkennbar ist.

Besuchte Vorstellung: 2. Aufführung am 12.10.2019

 

ANNOTATION

 

Richard Wagner

TRISTAN  UND  ISOLDE

Handlung in drei Aufzügen / Text vom Komponisten

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

 

MUSIKALISCHE LEITUNG  Ulf Schirmer                                                                                                Gewandhausorchester

INSZENIERUNG Enrico Lübbe                                     ENGLISCHHORN  Gundel Jannemann-Fischer

CO-REGIE Torsten Buß                                               HOLZTROMPETE  Gábor Richter

BÜHNE  Étienne Pluss                                                 BASS-KLARINETTE Ingolf Barchmann

KOSTÜME Linda Redlin

VIDEO  fettFilm

LICHT Olaf Freese

CHOREINSTUDIERUNG Thomas Eitler-de Lint

DRAMATURGIE Nele Winter

 

 

BESETZUNG

 

TRISTAN                             Daniel Kirch

ISOLDE                              Meagan Miller

KÖNIG MARKE                   Sebastian Pilgrim

KURWENAL                              Mathias Hausmann

MELOT                               Matthias Stier

BRANGÄNE                        Barbara Kozelj

EIN HIRT                            Martin Petzold

 

HERREN DES CHORES DER OPER LEIPZIG

KOMPARSERIE DER OPER LEIPZIG

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