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Android Q1 weiß (fast) alles

Android Q1 weiß (fast) alles

Eine spannende Überschreibung des Balletts “Coppélia” an den Landesbühnen Sachsen

 Vor wenigen Tagen zeigte das Theater Erfurt mit Steve Reichs und Beryl Korots Video-Opera „Three Tales“ die Katastrophen, die aus dem göttlichen Auftrag „Macht euch die Erde untertan“ auf den Bikini-Atollen und mit dem geklonten Schaf Dolly entstanden. Jetzt malt die Co-Produktion der Sparten Tanz und Schauspiel im Studio der Landesbühnen Sachsen nach Szenarien von Yuval Noah Harari und anderer ein böses Bild der schönen neuen Androiden-Welt. Der von der Regisseurin Sandra Maria Huimann entwickelte Plot „zum Thema Transhumanismus“ (so der Untertitel) spielt, aufgeladen von der Dramaturgin Judith Zieprig, mit Alptraum-Szenarien, Zukunftsängsten und (an einem Nebenschauplatz) mit allerlei Plattitüden zur zeitgemäßen Geschlechterrollen-Diskussion.

von Roland H Dippel

Noch ist kein „Homo Deus“ in Sicht: Der tote IT-Techniker Ben versinkt in Plastikfolie. Daneben kauert Android Q1 – von Spiegeln vervielfacht wie die heilige Dreifaltigkeit. So endet in der Uraufführung des Tanz-Schauspiels die Überlegenheit der Species „Homo sapiens“. Theoretische Überfülle wird gestraft mit einigen Längen. Absolut glänzend gelingt in diesem Zweipersonenstück dafür die Synthese aus Tanztheater und Schauspiel: Wencke Kriemer de Matos hat sich in mindestens vier Up-Dates des Androiden Q1 selbst choreographiert, Holger Uwe Thews rettet sich vor der ihm hier üppig aufoktroyierten toxischen Männlichkeit in menschliche Naivität. Ob das so gemeint war…?

Der IT-Techniker Ben soll einige Defekte in einem „Smart House“ korrigieren, trifft da auf den zuerst etwas befremdlichen  Androiden Q10. Schritt für Schritt lässt sich Ben auf die Maschine ein, Schritt für Schritt bemächtigt sich diese aller mentalen Eigenschaften, Vorlieben, physisch-genetischer Defekte und offenbar der von einer chronischen „Kind-im-Macho“-Influenza gesteuerten Triebhaftigkeit Bens. Android Q1 heilt die Sehschwäche Bens durch die Implantation eines Kunstauges, das an seine synthetischen Rezeptoren angekoppelt ist. Damit dringt Q1 auch in Bens Psyche ein, doch dessen Gehirnfunktionen sind dem Overflow der Bilder aus den technischen Eingeweiden nicht gewachsen. Das Experiment im Traum misslingt (vorerst). Durch Updates wird Q1 von der fleischfarbig kahlen Basisversion zur noch unzureichend hilflosen Barbie-Ausgabe. Doch der Vamp optimiert sich, versteht sogar Ironie: Das beginnt mit der unauffälligen Aneignung von Bens Vorliebe für Pizza mit grünen Gummibärchen und gipfelt in der einwandfreien Transformation zum Vamp mit roten Stiefeln.

Jörg Schittkowskis Komposition umfasst Geräusche, Soundtracks zu visuellen Lichtspuren und Katzenbildern, sphärische PC-Sounds. Auch die Texte des Androiden Q1 kommen von der Tonspur.  Irina Steiners karge Bühne hat in den virtuellen Manifestationen außer einer klassischen Ledercouch keinen Komfort. Der Schauplatz mit dem kleinen Rechenzentrum, Alibi-Grünpflanzen und Milchglas könnte eine Physiotherapiepraxis sein, oder ein hygienisch einwandfreier Swingerclub.

So gründlich ist die totale Überschreibung, dass der Name von Léo Délibes‘ berühmtem Ballett wohl versehentlich im Titel blieb: Neben einem Salon-Csárdás ist die originale Musik dazu der einzige ‚Ausrutscher“ Richtung ‚Klassik‘, wenn Android Q1 kurz romantisches Bewegungsvokabular aus „Coppélia“ zitieren darf. Wencke Kriemer de Matos kann neben der ihr bewundernswert gehaltenen Starre und Drahtigkeit ihren Kollegen vom Schauspiel immer wieder in plausibel motivierte Tanzmomente hineinziehen. Sattes Plädoyer für die gründliche Stoffzertrümmerung: Das hat weder mit dem Horror vor einem Automaten in E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ zu tun noch mit dessen spielerischer Auflösung im Ballett „Coppélia“, in dem ein Mädchen den Androiden-Vorläufer imitiert und so menschliche Überlegenheit beweist. Denn mit letzterer ist es in „Android Q1“ aus und vorbei.

Dabei hat der immerhin zweieinhalbstündige Abend auch seine komödiantischen Stellen. Zum einen eher für Erwachsene, wenn Android Q1 einige physische Reaktionen Bens (erhöhter Puls, flaches Atmen) nicht als sexuelle Erregung, sondern als Angstimpulse rezipiert. Andererseits der Beginn: Da hastet Ben an seinen Endgeräten von Kundenbewertungen, Messages mit steilen Bildern zu absurden Kaufangeboten. Das hat den überdeutlichen Charme von aufklärerischem Jugendtheater.

Neben der konzeptionellen Gedankenfracht vertraute man offenbar nicht der Wirkungsmacht gestischer Theaterzeichen. Dafür ein fast zu sympathisch geratenes Beispiel für toxische Männlichkeit und das beeindruckend engagierte Dossier über die Risiken in einer technisch geprägten Gesellschaft.

Annotation:

COPPÉLIA – ANDROID Q1. Tanz-Schauspiel zum Thema Transhumanismus von Sandra Maria Huimann, Komposition und musikalische Leitung: Jörg Schittkowski, mit Wencke Kriemer de Matos und Holger Uwe Thews – Uraufführung am Freitag, 1.2.2019, 20.00 Uhr auf der Studiobühne der Landesbühnen Sachsen in Radebeul- Weitere Termine: So 10.2., 19.00 Uhr; Fr 15.3., 20.00 Uhr; Fr 29.3., 19.30 Uhr; Veröffentlicht: 05.02.2019

Was noch:

Nächster Tanzabend der Landesbühnen Sachsen: Freie Radikale (Uraufführung). Choreografie von Fabio Liberti und Wencke Kriemer de Matos – ab 5.4.2019 (http://www.landesbuehnen-sachsen.de/theater-radebeul/repertoire/tanztheater/freie-radikale/)

Foto: (c) Hagen König

 

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