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Bunter Abend mit Donizetti

Bunter Abend mit Donizetti

„Der Liebestrank“ an der Oper Leipzig inszeniert von Rolando Villazón.

Wer traditionsbewusst mit seinem Czerny unterm Arm ins festlich erleuchtete Stadttheater schreitet, um Gaetano Donizettis 1832 uraufgeführtes Melodramma „Der Liebestrank“ werktreu im hübschen italienischen Bauerngewand geboten zu bekommen, wird die Oper Leipzig leicht bis mittel angesäuert verlassen. Die Neuinszenierung von Rolando Villazón, eine Übertragung seiner zweiten Regiearbeit von 2012 für das Festspielhaus Baden-Baden, ist alles andere als eine erwartbar heitere Buffa in ländlichem Idyll.  

Von Moritz Jähnig

Bianca Tognocchi – Adina und Sejong Chang – Dulcamara

Der gefeierte Startenor und Regisseur Villazón bietet seinem Publikum unter dem Titel „Der Liebestrank“ einen bunten Abend mit Cowboys, Bardamen und allerlei lustigen Leuten. Die harmlose Opernhandlung ist in ein Hollywood-Filmstudio der vierziger Jahre versetzt, in dem – Überraschung! – ein Western gedreht wird (Bühnenbild Johannes Leiacker, Kostüme Thibault Vancraenenbroeck). Völlig selbstverständlich steht ein Indianer am Set, der immer wieder mal „Howgh“ ruf. Es rauchen die Colts und fliegen die Ganoven durch splitternde Fensterscheiben. Ein Chinese kultiviert in konfuzianischer Entrücktheit den Qi Gong, während Western-Grisetten Can-Can mit King Kong tanzen, der wohl aus einem benachbarten Filmstudio herübergehuscht gekommen sein muss – was solls.

Der Quacksalber Dulcamara geriert sich als Indianer mit weißem Arztkittel auf überdimensionalem Schaukelpferd. Alles vor einem Prospekt, den ein Bühnenarbeiter mit der Hand leiert. Die Szene ist detailversessen und –verliebt bis zum letzten und teilweise wirklich tränentreibend witzig.

Sein Personal hat der Regisseur passend umgeschneidert: Die reiche Bäuerin Adina ist eine extravagante Filmdiva, der so hoffnungslos in sie verliebte Dorfdepp Nemorino ein unbedeutender mexikanischer Komparse, den jeder hin und her scheuchen darf. Belcore kämpft der Uniform eines Südstaaten-Hauptmanns mit den Tücken seines Säbels und Giannetta (Sandra Maxheimer) ist voll beschäftigt. Wie überhaupt alle Darsteller, den Chor (Einstudierung Alexander Stressin) eingeschlossen, wie auf Droge durchs Geschehen hasten.

Was ist denn da passiert? Halt Villazón die verrückten Ideen seiner Kinder-Kino-Zeit auf die Bühne gestellt? Dem schönen Wort Remixen gibt er jedenfalls einen ganz neuen Drive. Tortenschlacht und Belcantoschmelz, Rampensingen und durchchoreografierte Tänze. Alles findet auf seiner Bühne Platz, was dem Spaß, der Überraschung und Unterhaltung dient. Kein Klamauk ist zu blöd, als dass er nicht stattfände. Entsprechend beansprucht werden der Chor und die diversen Komparsen des Hauses

Man muss sich auf die Inszenierung einstellen

Aber eigentlich dürfte das dem quirligen Opernabend nicht schaden. Man muss innerlich einen Hebel umlegen und den lyrischen Schmelz nicht zwingend in ästhetisch konventionellem Azur verpackt erwarten. Einige gesanglich wichtige Highlights werden von der Inszenierung separiert, wie die Romanze „Una furtiva lacrima“, die in einer kleinen Hütte vergoldet erklingen darf.

Pjotr Buzewski – Nemorino und Bianca Tognocchi – Adina

Es ist ein Glück, Piotr Buszewski als Nemorino zu erleben, der spielfreudig und kulleräugig die Vorzüge seines Faches vereint: einnehmende Süße, strahlende Höhe, Beweglichkeit zwischen den Registern. Als Adina erfüllte die in Leipzig vielfach eingesetzte und mit großem Beifall bedachte Bianca Tognocchi alle Erwartungen an diese Partie.

Weniger überzeugten die beiden männlichen Protagonisten Jonathan Michie als Herzensbrecher Belcore und Senjong Chang als Doktor Häuptling Dulcamara. Lag es an der klamaukigen Gesamtsituation oder der sie dabei nicht sicher werden lassenden Unterstützung aus dem Graben? Erstmals leitete Giedrė Šlekytė, mit „Schwanensee“ und „Schneewittchen“ am Haus bestens eingeführt, einen Opernabend in Leipzig. Selten bis nie gelang es der Musik gegenüber der Inszenierung aufzutrumpfen und, um es deutlich zu sagen, klar zu machen, wer hier Koch oder Kellner ist. Donizetti hat es mit dem „Liebestrank“ ernst gemeint. Das muss trotz wildem Spiel zu hören sein. Das Gewandhausorchester hat bessere Donizetti-Premieren gespielt, schwungvoller, mitreißender.

Viel Vergnügen!

„Der Liebestrank“ wird ein großer Publikumserfolg. Das vorauszusagen ist auf Grund des hohen Unterhaltungswertes der Inszenierung keine Kunst. Wie sich dieser Schwung und die innere Überzeugungskraft zunehmend auch auf das Gewandhausorchester im Zusammenspiel mit der Bühne überträgt, das zu erleben wird in den nächsten Aufführungen eine Freude sein.

 

Annotation

Gaetano Donizetti „Der Liebestrank“, Melodramma in 2 Akten; Oper Leipzig, Musikalische Leitung Giedrė Šlekytė, Gewandhausorchester zu Leipzig; Inszenierung Rolando Villazón, Bühne Johannes Leiacker, Kostüme Thibault Vancraenenbroeck mit Agnes Barruel, Licht Davy Cunningham, Choreinstudierung Alexander Stressin, Film Maria Gollan, Dramaturgie Elisabeth Kühne; Hammerklavier Paulo Almeida; Adina Bianca Tognocchi, Nemorino Pjotr Buszowski, Belcore Jonathan Miche, Dulcaamra Sejon Chang, Giannetta Sandra Maxheimer; Chor und Komparserie der Oper Leipzig

Was noch?

Besuchte Vorstellung: Premiere 14.09.2019; veröffentlicht: 15.09.2019; 15:40 Uhr

 

Weitere Termine

Sonntag 22.09.2019, 18:00 Uhr

Donnerstag 03.10.2019, 18:00 Uhr

Freitag 01.11.2019, 19:30 Uhr

Samstag 04.01.2020, 19:00 Uhr

Freitag 13.03.2020, 19:30 Uhr

 

Credits

Alles Fotos © Kirsten Nijhof

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