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Der Pizzaofen des Grauens

Der Pizzaofen des Grauens

MuKo Leipzig serviert Qualitätspasteten nach genialer Musikrezeptur.

Seit 65 Jahren sorgt Steven Sondheim in der Musical-Kultur für Furore, doch ist sein Oevre weniger eingängig als die Hits eines Andrew Lloyd Webber. Auch die Themen seiner weltweit aufgeführten Werke liegen neben dem Mainstream.

Von Henner Kotte

Gypsy (1959) erzählt die Tragik zweier Töchter, die die Mutter in Bühnenkarrieren zwingt. Into the Woods (1987) verquickt Grimms Märchen mit privater Kinderlosigkeit. Assassins (1990) erzählt von Präsidentenattentätern. Auch die Geschichte des Barbiers und Sträflings Benjamin Barker ist nichts für Zartbesaitete: Nach verlorener Liebe, verlorenem Kind und jahrelanger Haft sinnt der Held als Sweeny Todd  (1979) auf Rache, an allen, die ihm das Leben versauten. Er trifft Mrs. Lovett, deren Pasteten dem guten Geschmack widersprechen, und eröffnet in deren Raum übern Laden seinen Frisiersalon. Dort kann fortan sein Haarcut auch das Leben beenden. Die Leichen verarbeitet die nette Mrs. Lovett zu leckeren Pasteten. Ihr Imbiss ist nunmehr in und in aller Munde. Die Handlung (nach einem Theaterstück von Christopher Bond) ist blutig, und das Ende vom Stück äußerst brutal, aber überraschend wie im guten Krimi von Edgar Wallace.

Nun erklingt diese Schreckensmär endlich in Leipzig auf der neuen Bühne der Musikalischen Komödie. Erfolg ist dem Hause zu wünschen und mit dieser Inszenierung Cusch Jungs (eigentlich auch) auch gewiss, denn die Grundlagen bester Unterhaltung wurden gelegt. Bereits das Entrée führt ein in die schauerlichen Zeiten von Jack the Ripper und Sherlock Holmes: Es krähen die Raben des Towers, die Themse plätschert um die Pfeiler der Tower-Bridge. Das Bühnenbild von Karin Fritz zeigt deutlich das Gefälle in einer morbiden Gesellschaft. Während man sich oben dem herrschenden Schönheitsideal anpassen möchte, wird bereits unten der eigne Kadaver verwurstet. Eine Wahl hat der Kunde dabei nicht. Die Kostüme zitieren mehr als Charles Dickens und Tim Burtons Filme.

Die Partitur Steven Sondheims läuft einem Wohlklang entgegen, das Orchester trifft die Dissonanzen unter der musikalischen Leitung Stefan Klingeles perfekt. Das Gros der tragenden Rollen wurde mit Ensemblemitgliedern besetzt: Vikrant Subramanians Sweeny Todd macht die Kämpfe einer zerrissenen Seele sehr deutlich. Sabine Töpfer kann als Mrs. Lovett all ihre Wandlungsfähigkeit zeigen. Das romantische Liebespaar geben Katia Bischoff (a.G.) und Anthony Hope empathisch naiv, wie es sich für das Gute in der grauenvollen Geschichte gehört. Michael Raschle tapert als gemeiner Richter in die Falle, die ihm gestellt. Julia Lißel (a.G.) kommentiert als Bettlerin die Moritat und erhält schließlich eine tragende Rolle. Solopartien auch von Andreas Rainer, Holger Mauersberger und Roland Otto – das Premierenpublikum goutierte jede Erscheinung.

Regisseur Cusch Jung gibt Raum und Bild für Assoziationen von Fellinis La Strada hin zu Rammsteinscher Brachialität, von David Lynchs Elephantenmenschlichen Unglück hin zu WGT-hafter Modenschau, zu Honoré Daumiers Karikaturen, Rudolphe Töpffers Bilderromanen und den Gespenstern von Ibsen und Canterville. Da schlägt des Kritikers Herz nicht nur aufgrund der Spannung einer Kriminalgeschichte sehr hoch.

Was aber den Abend, abgesehen vom Serienmörder-Thrill, aus dem gängigen Kulturangebot heraushebt, ist das Zusammenwirken aller Gewerke unter Seuchenbedingungen. Das Resultat entschädigt den Konsumenten für seine erzwungene Abstinenz. So begeistern derzeit nicht viele Kulturhäuser Leipzigs ihr wiedergewonnenes Publikum. Klasse!

Annotation:

Musik und Gesangstexte von Stephen Sondheim | Buch von Hugh Wheeler | Nach dem gleichnamigen Stück von Christopher Bond

Musikalische Leitung Stefan Klingele, Inszenierung/Licht Cusch Jung, Bühne, Kostüm Karin Fritz, Choreinstudierung Mathias Drechsler, Dramaturgie Nele Winter, Chor MuKo, Extrachor, Orchester

Besetzung: Mrs. Lovett, Sabine Töpfer; Johanna, Katia Bischoff; Die Bettlerin, Julia Lißel; Tobias, Anna Evans; Sweeney Todd, Vikrant Subramanian; Richter Turpin, Michael Raschle; Anthony Hope, Justus Seeger; Büttel Bamford, Jeffery Krueger; Pirelli, Andreas Rainer; Mr. Fogg, Roland Otto; Ein Vogelhändler, Holger Mauersberger

Credits:

Foto: © Oper Leipzig/Tom Schulze

Besuchte Vorstellung: Premiere 26.06.2021; veröffentlich 28.06.2021

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