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Die Romantik nach Ischgl

Die Romantik nach Ischgl

Schauspiel Leipzig lässt Jelineks und Schubert zwiefach in den Winter reisen.

„Das Wandern ist des Müllers Lust“ beschrieb der Dessauer Wilhelm Müller sein Hobby. Chormeister Zöllner soll den Text in Zills Tunnel zu Leipzig vertont haben. Andere Gedichte, die von Müllers Leidenschaft zeugen, fasste Franz Schubert 1827 im Zyklus „Winterreise“ zusammen und schuf damit ein Hohelied deutscher Romantik.

Von Henner Kotte

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh‘ ich wieder aus“ heißt es an dessen Beginn. Der Heimatlose hat die Liebe verloren und begibt sich hinaus in den Winter und wandert und wandert und wandert. Am Ende begegnet er einem einsamen Künstler: „Willst du zu meinen Liedern deine Leier dreh’n?“ Und cut! Musikwissenschaftler und Literaturdozenten haben der „Winterreise“ Inhalt und Noten gedeutet und nochmals gedeutet bis hin in die Politik und den Tod. Generationen professioneller Solisten haben diesen Reise-Liedern eigene Interpretationen und Töne gegeben. Jetzt erklingen sie auf der großen Schaubühne in Leipzig, aber sie nicht allein sind zu hören.

Elfriede Jelinek ist eine der meistgespielten und höchstgeehrten Theaterautor*innen der Gegenwart. Preise und Texte mögen umstritten sein, geben aber allemal zu Diskussionen Anlass. Ihre sehr persönliche Sicht auf die „Winterreise“ erlebte 2011 die Premiere. „Was zieht da mit, was zieht da mit mir mit, was zieht da an mir?“ Mit „Winterreise/Winterreise“ setzt Regisseur Enrico Lübbe nun seine Folge erfolgreicher Zwitter-Inszenierungen fort. Zwei Stücke verschränkt er an einem Abend. Da muss man kürzen, keine Frage. Viele der Lieder werden gar nicht gesungen. Zum anderen ergeben sich Synergien und Assoziationsketten, die es bei Solovorstellungen wohl so nie gegeben hätte.

Eröffnet wird der Abend mit dem Ende der Schubert-Version: Der Leierkastenmann dreht. Während der Chor eindrucksvoll intoniert (musikalische Leitung Jürg Kienberger), zeigt der Vorhang Winterwanderer auf hohe Berge. Dann ist man drinnen im abgeranzten Alpenhotel (Bühnenbild: Etienne Pluss), es erinnert an die Heimatschnulzen der 50er, Stanley Kubricks „Shining“ und letztens an selber Stelle erst gesehen „Mein Freund Harvey“. Hinein in die Innenarchitektur stemmt sich ein Pfosten der Bergbahn und lässt es manchmal rollen. Nun kommen und gehen die Gäste (Julia Berke, Julius Forster, Philipp Frischkorn, Franziska Kuba, Franziska Hiller, Jürg Kienberger, Tilo Krügel, Denis Petković, Miloslav Prusak, Jule Roßberg), sie sind um Individualität bemüht: die Dralle, der Schüchterne, der Pedante, Personal schiebt Getränke und wischt schnell mal durch. Und immer mal tut einer der Gäste Erfahrungen und Haltung und Verbitterung kund. Man mag bemängeln, dass Leerläufe versammelter Personage Lachnummern vollführen. Doch was haben Hotels nicht alles gesehen. Und wie benehmen Erholungssuchende wirklich: Gipfelstürmerei, falsches Schuhwerk und Belustigungsgeilheit. Da ist Slapstick im Vergleich hohe Kultur! So wird es nicht bleiben, und folgerichtig erklingt aus dem Tale der Aprés-Ski-und-Jagertee-Fun, der die schönen Schubertschen Melodeien laut zerhackt. Damit führt der Regisseur, ohne zu nerven, hinein in unsere gegenwärtige Urlaubs- und Gesundheitslage. Ersichtlich hält sich das Spielkollektiv an den vorgeschriebenen Mindestabstand, dienende Geister desinfizieren auch zwischendurch mal das Gebälk. Ein sehenswerter Volksliederabend, der an Wolfgang Engel und Christoph Marthaler erinnert.

Hat zu Beginn der Leierkastenmann seinen Auftritt gehabt. So wandert Ellen Hellwig schlussendlich auf dem letzten und einsamen Weg, auf dem ihr/ihn kein Mensch folgen kann. Doch bereits vor dem Tod ist jener Person das Leben entglitten. Alle Schilder am Pfad führen ins Nichts, sind unleserlich und haben keine Koordinaten. Es ist das bittere Hinübergleiten in die Demenz ihres Vaters, die Elfriede Jelinek beschreibt. Fast ein Viertel des Abends beeindruckt die Hellwig, die Grande Dame des Hauses. Die Wortketten Formulierkunst höchsten Grades, der Vortrag nuanciert bis ins Komma über dem Punkt. „Ich versuche, die Sprache selbst zu zwingen, die Wahrheit zu sagen, sozusagen die Wahrheit hinter sich selbst, wo sie versucht, sich zu verstecken. Die Sprache lügt ja, wo man sie lässt“, sagt die Autorin zu ihrer Machart. Sprachlos sitzt das Publikum. Elfriede Jelinek und die Leipziger Bühne stehen seit langem in fruchtbarer Verbindung. Dem beeindruckenden Ende wird nichts hinzugefügt, die Hotelgäste haben auch längst ihre Bühne verlassen. Was hätte auch diesem Monolog gesagt werden können? „Nun ist die Welt so trübe, der Weg gehüllt in Schnee.“ Doch weiß der Optimist: Auf jeden Winter folgt wieder ein Frühling, ein Sommer. Auf, Wanderer, weiter des Wegs!

Annotation:

Schauspiel Leipzig, Große Bühne. „Winterreise /Winterreise“ von Wilhelm Müller und Franz Schubert / Elfriede Jelinek. Regie Enrico Lübbe, Bühne Etienne Plussm Kostüme Bianca Deigner, Musikalische Leitung Jürg Kienberger, Korrepetition und Bühnenmusik Franziska Kuba, Philip Frischkorn, Dramaturgie Torsten Buß, Licht Ralf Riechert. Besetzung: Julius Forster, Ellen Hellwig, Franziska Hiller, Jürg Kienberger, Tilo Krügel, Denis Petković, Jule Roßberg, Miloslav Prusak, Julia Berke

Was noch?

Die nächsten Vorstellungen: Sa 03.10., 19:30 Uhr; Sa 24.10.,19:30 Uhr; So 25.10., 19:30 Uhr. Karten: Fon 0341 12 68 168, E-Mail: besucherservice@schauspiel-leipzig.de

Eine weitere Rezension dieses Stückes finden Sie in diesem Blog auch hier: http://kunst-technik.moritzpress.de/winerreise-im-leipziger-schauspielhaus-eins/

Credits:

Veröffentlicht am 28.09.2020

Foto: © Rolf Arnold

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