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Drei Männer nackt im Museum

Drei Männer nackt im Museum

Das Schauspiel Leipzig zerlegt in der Kunsthalle „Kunst“

Nacht ist’s, als drei Gestalten sich mit der Taschenlampe in der Galerie leuchten. Serge möchte unbedingt, dass die Freunde seine teure Kunst-Neuerwerbung betrachten. Marc sagt zum weißen Bild: „Einfach Scheiße!“ Serge sieht darin aber vielmehr: „Objektiv gesehen ist es nicht weiß. Es hat einen weißen Untergrund, und dazu eine ganze Farbskala von Grautönen … Sogar rot ist drin.“ Der Dritte im Bunde, Yvan, steht zwischen den beiden und deren Ansichten. Fortfolgend lässt das monochrom Weiß die Freundschaft der Freunde implodieren. Diese „Kunst“ ist ein Drama und unterhaltendes Theaterstück.

Autorin Yasmina Reza (*1959) ist seit den Neunzigern auf den Weltbühnen präsent: „Gespräche nach einer Beerdigung“ (1987), „Dreimal Leben“ (2000), „Gott des Gemetzels“ (2006) sind internationale Bühnenerfolge gewesen und bewiesen, dass nichtige Privatkonflikte in Katastrophen führen können und das Publikum herzerfrischend erheitern, so auch „Kunst“ (1994). Das Stück um eine weiße Leinwand erhielt den Prix Moliere, den Tony-Award und wurde in 40 Sprachen übersetzt und um den Globus herum aufgeführt. In Leipzig sah man es einst in der Fälschergalerie (Regier: Volker Insel) und war begeistert. Serge, Marc und Yvan gerieten nachvollziehbar aneinander, ihre Gefühle heizten hoch, es war zum Schreien. Nunmehr kann man Yasmina Rezas Kunststück in der Kunsthalle der Sparkasse erneut betrachten – und sitzt einigermaßen ratlos davor. Die drei Streiter Christoph Müller (Marc), Denis Petković (Serge) und Wenzel Banneyer (Yvan) agieren engagiert, allein, man nimmt ihnen ihre Emphase, ihre Wut, ihr Verhalten nie so recht ab.

Die Weite eines Galerieraums birgt fürs Schauspiel Tücken, die Bühnenbildnerin Susann Bielig zu verkleinern sucht, indem sie vorm Tisch (steht ein solcher in Galerien?) noch eine Tretmine platziert und eine Installation an die Wand hängt, die unmotiviert das Publikum blendet. Regisseur Frank Hoffmann lässt die Protagonisten darinnen auf Distanz agieren, um die Leere des Raumes zu überspielen. Optisch ist dies nachvollziehbar, beraubt jedoch die Spieler jeder Intimität. Wenn ich über private Probleme wie Sex und Geld, Mutter, Frau und Kind diskutiere, bin ich (soweit meine Erfahrung) meinem Freunde nicht nur emotional nah, sondern auch körperlich. Wenn ich ihm ins Gewissen rede, rufe ich meine Argumente nicht über weite Strecken. Genau dies jedoch geschieht hier, so dass die persönlichen Differenzen nicht nachvollziehbar und dialogisch erscheinen, vielmehr wie peinliche Gedichtrezitationen vorm Klassenkollektiv anmuten. So fehlt vom Stück der rote Faden, und die Leinwandfläche, sie bleibt einfach weiß. Damit ist natürlich aller Witz der „Kunst“ verloren gegangen, wo doch die Autorin im Stück die Lebenslügen aller Beteiligten genüsslich seziert, die sich vor unseren Augen bis auf die Haut zerfleischen. Das Manko erkennend, gibt der Regisseur ihm offensiv bildlichen Ausdruck: Die Helden stehen vor uns letztlich nackt. Für diese Blöße gibt es weder dramaturgisch (Dramaturgie: Maren Ilg) noch situativ einen Anlass.  Dieser Striptease wirkt aufs Publikum befremdlich, weil er kein Seelenstriptease ist. Nun denn, am Ende versöhnen sich die drei Herren, warum es überhaupt zum Kampfe zwischen ihnen kam, bleibt unerklärlich. Jedenfalls in dieser Inszenierung vom Schauspiel Leipzig. Das ist schade, was haben wir einst uns über solche „Kunst“ und ihre Adepten gelacht, hier kann der Zuschauer nicht mal übers Kunstverständnis schmunzeln, es scheint keines zu geben.

Henner Kotte

ANNOTATION

„Kunst“, Schauspiel Leipzig in der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig, von Yasmina Reza, Deutsch von Eugen Helmlé

Regie: Frank Hoffmann, Bühne & Kostüme / Ausstattung: Susann Bieling, Dramaturgie: Marleen Ilg, Ton: Heribert Weitz, Licht: Veit-Rüdiger Griess, Theaterpädagogische Betreuung: Babette Büchele

Besetzung; Christoph Müller als Marc, Denis Petković als Serge, Wenzel Banneyer als Yvan

Weitere Vorstellungen:

4.11., 21.11.2021, 20.00 Uhr Kunsthalle der Sparkasse Leipzig

CREDITS

Foto: © Rolf Arnold

Veröffentlicht 2.11.2021

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