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Einst und Jetzt: Die Energie der Verjüngung

Einst und Jetzt: Die Energie der Verjüngung

Karl-Heine-Musical zur Preisverleihung 2019

Es war keine Uraufführung und erweist gerade dadurch seine Wertbeständigkeit. Dabei meint der Titel eher die Energie der Gattung als die Handlung: „Karl Heine – Sein Traum lebt“. Zusammen kommen in dieser Musical-Aufführung der MUSIFA-Musikakademie die frische Dynamik des Quartiers zwischen Karl-Heine-Straße und Karl-Heine-Kanal, die von dieser Energie beglückt angesteckte Hörerschar, die nach der Verleihung des Karl-Heine-Preises in den Saal der Konsumzentrale herüberkam, und ein kalter Winterabend, der das technokratische Flair der Industriestraße reizvoll kristallisierte.

von Roland H Dippel

Traditionalisten beschimpfen es als seicht, für viele wenig theater- und opernaffine Zuschauer ist es überhaupt die einzige genießbare Bühnengattung. Aber einen entscheidenden Vorteil hat das inzwischen fast 120jährige Musical: Es ist flexibel, schmiegt sich sogar in sinfonisch-durchkomponierten Formen à la Webber ohne Reibungsverluste den Handlungssituationen an, die es international verständlich standardisiert und emotionalisiert. In der tiefsten Verzweiflung propagiert das Musical einen Funken Hoffnung und in das größte Dunkel strahlt in Musicals immer ein kleiner Stern.

Johanna Jäkel, die Text und Musik für diese Hommage an Karl Heine schuf, schließt eine empfindliche Lücke im Repertoire. Denn in der Legion gewichtiger Persönlichkeiten als Musicalfiguren fehlt der Industrie-Humanist Karl Heine nicht nur in Leipzig: Philippine Welser, Richard Wagner, Martin Luther, Gräfin Cosel… sie waren alle schon auf den Musicalbühnen, aber Karl Heine (1819-1888) schaffte es bisher nicht einmal in die Musikalische Komödie: Fehlanzeige bis 2017!

Vor zwei Jahren hatte Johanna Jäkel „Karl Heine – Sein Traum lebt“ für ein ausgedehntes Schulprojekt im Umfeld der Kultur im Leipziger Westen geplant und in eine modulare Form gebracht. Bei der Aufführung hatte Lutz Decker seine Dozenten, Studierende und Bewerber um die dreijährige Ausbildung an der MUSIFA Musikakademie im Kulturhafen am Riverboat zusammengetrommelt. Die Sänger und Musiker teilen sich Funktionen und Rollen, die Tonverstärkung funktioniert bestens. Und zum Spielen brauchen sie nur ganz wenige Hilfsmittel.

Der Weg zu Karl Heine beginnt in der Gegenwart, kratzt dann an der Vergangenheit. Also ist dieses Musical kein reales Lebensbild, sondern lebendig wird Karl Heine wie auf einem idealisierten Porträt. Hauptfiguren sind seine Witwe Doris, geb. Trinius, und seine Tochter Susanne. Die Mutter wächst über sich hinaus und erringt einen inneren Sieg, obwohl das Parlament ihren Versuch, die zum Zeitpunkt des Todes ihres Mannes Fragment gebliebenen Projekte voranzutreiben, mit  beleidigender Sachlichkeit abschmettert: Aber Doris siegt: Denn sie springt über den eigenen Schatten und wird dafür von Susanne mit allen musicalspezifischen Muntermachern, Trostpflastern und Glücksversprechen überschüttet. In ganz einfachen Dekorationsteilen. Eine Türattrappe, ein zerkratzter Tisch, Stühle, Trauerkleidung halten den Blick frei für das Wesentliche: Dieses Ensemble singt, agiert und dialogisiert mit Inbrunst und Intensität.

Der in diesem Musical Geehrte liegt aufgebahrt mit schwarzem Anzug und Zylinder, erhebt sich dann im Schein eines Allerseelen-Lichtes. Das ist fast wie im Prolog von „Evita“, wenn sich Che Guevara aus den Trauerscharen schält und das Lebensbild der aufregenden Evita Peron aufrollt. Auch in der Hommage an Karl Heine steht am Ende die Frage nach der Bedeutung und dann (wie kann es anders sein) deren Bestätigung. Die musikalischen Formen bleiben immer locker erkennbar: Popsong, Ballade, gekonnte Zwischenspiele. Für eine abschließende penetrante Hymne, die den Hörern keine Möglichkeit des Widerspruchs lässt, hat Johanna Jäkel entschieden zu viel künstlerisches Gewissen. Darauf verzichtet sie also.

Wenn sich überhaupt an diesem eine riesige musikalische Freude in den Saal der Konsumzentrale wirbelnden Stück kritisieren lässt, dann die lange Begräbnisepisode. Bei einer Feier und Preisverleihung ist diese die Ausmaße einer großen Opernszene erreichende Requiem-Sequenz nicht angebracht, denn hier geht es um das lebende Vermächtnis. „Karl Heine – Sein Traum lebt“ ist bisher das einzige vollständige Bühnenstück im Repertoire der MUSIFA Musikakademie. Prädikat: Besonders empfehlenswert zur Nachahmung und Weiterentwicklung.

Annotation:

„Karl Heine – Sein Traum lebt“ Eine Hommage – Musik & Text: Johanna Jäkel – Story: Gemeinschaftsarbeit der MUSIFA Musikakademie – Einstudierung: Patrick Passehr – Musikalische Leitung: Johanna Jäkel, Lutz Decker – Band der Musikakademie „MUSIFAct“ und Darsteller: Klavier / Saxophon / Klarinette: Johanna Jäkel – Träumerin / Parlament: Franziska Potyralla – Karl Heine / Bassgitarre: Florian Lange – Mutter Doris: Leonie Nissen – Tochter Susanne: Elsa Sieveking – Kandidat / Sekretär / Schlagzeug: Florian Keller – Spiegelbild / Parlament / Gitarre / Bassgitarre: Justus Dörfer – Parlament / Klavier / Gitarre: Ricardo Brandt – Gitarre: Johannes Schedler – Die MUSIFA Musikakademie präsentierte das Musical bei der Verleihung des Karl-Heine-Preises am 10. Januar 2019 / 20:00 in der Konsumzentrale, Industriestraße, Leipzig-Plagwitz. – Veröffentlicht:12.01.2019; Bildquelle/Foto (c) Dave Tarassow

 

Was noch:

Kontakt: Kulturhafen am Riverboat GmbH & Co. KG Erich-Zeigner -Allee 45, 04229 Leipzig Tel.: 0341 / 44 24 29 29 , info@musifa.de

Die Vorstellung wurde ermöglicht durch Industriekultur Leipzig e.V. und Wasser-Stadt-Leipzig e.V.; unterstützt von Konsum Leipzig, Frontsound, sowie AOK plus.

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