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Ekstase im Kollaps

Ekstase im Kollaps

Franz Schrekers “Die Gezeichneten” an der Staatsoper Hannover

Blank und ohne dekorativen Schutz stehen packende Sängerdarsteller auf der Bühne der Staatsoper Hannover: Die zweite Oper des um 1920 Furore machenden Strauss-Konkurrenten Franz Schreker wird auf der Bühne der Staatsoper Hannover mit einer imponierenden Gesamtleistung zum profanen Mysterium.

von Roland H Dippel

 

Zum Beispiel Hans Neuenfels (Frankfurt), Günter Krämer (Düsseldorf) und Martin Kusej (Stuttgart) gelangen in den letzten Jahrzehnten existenzielle Aussagen über „Die Gezeichneten“ von Franz Schreker, dessen Opern langsam, aber stetig auf die Bühnen zurückkehren. Der Musikkritiker Paul Bekker rühmte Schreker als den wichtigsten Repräsentanten des Musikdramas nach Wagner. Demzufolge ist „Die Gezeichneten“ ein „Bühnenfestspiel der menschlichen Triebhaftigkeit“.

 

Bühnenfestspiel der Triebhaftigkeit

Bei Wagner wechseln musikalische Themen und ihre Transformationen in Sekundenbruchteilen. Bei Franz Schreker dagegen vergehen zwanzig Minuten, bis man im polytonal entwickelten Orchestersatz und der faszinierenden Instrumentation eine motivische Faktur mit Wiedererkennungswert aufspürt. Trotzdem hat Schrekers zweite Oper bei gekonnter Bewältigung keine Durchhänger. Das Skandalisierende von „Die Gezeichneten“ hat sich seit der Uraufführung 1918 in Frankfurt am Main verlagert. Heute polarisiert die ohne moralisches Regulativ dargestellte Explosion zerstörerischer Lustverwirklichung mehr als der Erotizismus von Schrekers Musik.

Während des achtminütigen Vorspiels trennen sich zwei riesige Kreissegmente. Dann, zwischen Firmament und Erde, werden aus einem Menschen zwei: Ein Krüppel mit Krücken und ein riesenhafter Hüne. Man denkt an Platons Kugelgleichnis von den die verlorene Einheit suchenden Hälften und C. G. Jungs Archetypen. Von Anfang bis zum Ende setzt Johannes von Matuschka auf schlichte Bilder, die das Publikum nicht schonen und vor allem keine mildernde Beschönigung leisten. Ganz im Gegenteil: Von Matuschka fordert von seinen Darstellern alles. Anstelle einer Materialschlacht, die unter glücklichen Umständen mit Schrekers akustischen Orgien erfolgreich wetteifern könnte, setzt er mit Christof Hetzer und Florence von Gerkan auf klare Formen, wenige Farbakzente und Transparenz trotz Düsternis. So entstehen faszinierende und packende Szenenfolgen.

Bei von Matuschka bedarf das künstliche Paradies des sein unstillbares Begehren durch Kunst sublimierenden Alviano, das er der Bürgerschaft Genuas vermacht, keiner eindeutigen Sexualisierung. Körper und Stimmen des Chors werden zum figurativen Dekor und umschlingen sich: Einsam, zweisam, dreisam. So einfach ist die Erfüllung, so einfach der Sprung aus den Zwängen – und so zerstörerisch. Die Protagonistin Carlotta, eine selbstbewusste Künstlerin, stirbt an Herzschwäche nach gesuchter sexueller Ekstase, aber nicht an gebrochenem Herzen.

 

Toxische Männlichkeit und Misogynie  

Ist in Schrekers selbst verfasstem Textbuch nur eine tote Frau eine gute Frau? Seine Partitur umflutet die in die italienische Renaissance versetzten Konflikte von Konvention contra Sinnlichkeit, Moralbewusstsein contra Laszivität. Wie in Korngolds „Die tote Stadt“ verfließen bei Schreker die gegen verordnete Rollenmuster aufbegehrenden Femme fatale mit Otto Weiningers Frauenfeindlchkeit, fallen die Barrieren zwischen aufgesextem Geniekult und präfaschistischen Machtvisionen: „Die Schönheit sei Beute des Starken!“ tönt der Krüppel Alviano und verfällt dem Wahnsinn, weil die ihm nur wenige Stunden in Liebe ergebene Carlotta sich mit dem Wissen, dass sie daran zugrunde gehen wird, dem Machtmenschen Andrea Tamare Vitellozzo hingibt.

Antoniotto Adorno ist in diesem Mysterium nicht nur Herzog, sondern auch Psychotherapeut. Erst entlockt er Tamare, dass sich eine Gruppe Adliger ein Leben ohne die Todesopfer ihrer Ausschweifungen nicht mehr vorstellen könnte. Dem Herzog gesteht Carlotta das Erschlaffen ihrer Emotionen für Alviano, dessen Wesen nach dem Moment intimsten gegenseitigen Erkennens für sie keine Reize hat. In einem weißen Rahmen, Ort zwischen Phantasie und Realität, kommt es zu einem vom Produktionsteam erfundenen Moment: Carlottas Körper verschmilzt mit denen Alvianos und Tamares am musikalisch rauschhaften Ende des zweiten Aktes.

Physischen Optimierungsbedarf zeigt die deutlich von nahendem Alter, physischer Schwäche und Verfall gezeichnete Gruppe der Adeligen: Abwrackende Lebemänner der Schnitzler-Zeit sind sie mit Jagdsitzstöcken und Korsetten, körperlich fast so hinfällig wie Alviano. Rau und fast abstoßend ist diese Szenerie, die von Matuschka unaufdringlich mit Zeichen aus Jugendstil und Symbolismus, auch Stilzitaten aus der Wiener Moderne und Neuer Sachlichkeit durchwirkt. Seine inszenatorische Perfidie gewährt den Zuschauern kaum Inseln des schönen Scheins. Das auf dem Stückplakat dargestellte Blütenwunder gibt es auf der Bühne nicht. Aber der Dirigent Mark Rohde, die Solisten und das sich genüsslich in Schrekers Exzesse werfende Niedersächsische Staatsorchester Hannover haben keine Berührungsängste – weder vor der tropisch wuchernden Partitur noch ihrer modrig lockenden Fäulniswärme. Ohne den großflächigen und verführerisch-üppigen Sog zu unterminieren, sucht Rohde auch jenes süffige Fluidum, das Lehár in den 1920-er Jahren zum Hauptingrediens seiner späten Operetten machen wird.

 

Mitleid und Abscheu

Carlotta ist die Sonne und ihre acht Doubles, aus deren Wunden bei ihrem Tod Blut rinnt, tragen am Ende Hemden in der Farbe des fahlen Mondes. Blind bleibt dafür Herzog Antoniotto Adorno (Stefan Adam ist hier auch der Capitaneo, der die bestialischen Anmaßungen adeliger Lustgier öffentlich macht). Hier sind alle Figuren Gezeichnete mit Handicaps – sogar Tamare: Brian Davis besiegelt den massiven Verfall mit Schönklang wie Lava. Energischer Überschwang auch von den wichtigen Episoden-Figuren. Gala El Hadidi (Martuccia) wuchtet die Beschimpfungen an ihren kriminellen Lover mit Fülle in den Saal und Michael Pflumm (Pietro) hält ihr mit kräftiger Wendigkeit stand.

Für Schreker fast unspezifisch plastisch agieren die Sänger der beiden zentralen Partien. Oft geht unter, dass es gerade hier nicht ohne deklamatorischen Feinschliff geht. Karine Babajanyan bewältigt die umfangreiche Partie der Carlotta mit untrüglichem Wissen um perfekte Dosierung von ausladenden Glanzpunkten und Übergängen in die lockenden Steigerungen. Ganz schlank führt sie in der großen Atelier-Erzählung ihren auch in flutender Fülle klaren Sopran und schießt dann wieder metallische Pfeile in hohen Bögen über die riesige Orchesterbesetzung. Robert Künzli agiert etwas zurückhaltender und erzeugt damit eine ebenbürtig starke Intensität. Sein Alviano evoziert Mitleid und Abscheu, auch diese Zwiespältigkeit ist eine ganz starke Leistung. Desorientierung entsteht aus dem Wissen der Figuren über sich selbst. Die Suche nach dem irdischen Paradies endet in einer tödlichen Sackgasse.

 

Annotation:

Staatsoper Hannover – Die Gezeichneten. Oper in drei Aufzügen (1913-15)von Franz Schreker. Text vom Komponisten – Besuchte Vorstellung: So 19.05., 16:00 (Premiere: 06.04.2019); veröffebtlicht 21.05.2019

Musikalische Leitung: Mark Rohde – Inszenierung: Johannes von Matuschka – Bühne: Christof Hetzer – Kostüme: Florence von Gerkan – Licht: Elana Siberski – Chor: Lorenzo Da Rio – Dramaturgie: Christopher Baumann – Alviano Salvago: Robert Künzli – Antoniotto Adorno/Capitaneo: Stefan Adam – Andrea Vitelozzo Tamare: Brian Davis – Lodovico Nardi: Tobias Schabel – Carlotta Nardi: Karine Babajanyan – Guidobald Usodimare: Edward Mout – Gonsalvo Fieschi: Frank Schneiders – Martuccia: Gala El Hadidi – Menaldo Negroni: Martin Rainer Leipoldt – Pietro: Michael Pflumm – Michelotto Cibo: Byung Kweon Jun – Julian Pinelli: Daniel Eggert – Paolo Calvi: Yannick Spanier – Ginevra Scotti: Alla Doelle – Ein Jüngling: Sung-Keun Park – 1. Senator: Latchezar Pravtchev – 2. Senator: Jonas Böhm – 3. Senator: Michael Dries – Ein riesiger Bürger: Peter Michailov – Chor der Staatsoper Hannover – Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

 

Was noch:

Karine Babajanyan singt an der Oper Leipzig: Titelpartie in Puccini / Tosca am So 15.09.2019,18:00 – Fr 15.11.2019, 19:30 – Sa 01.02.2020, 19.00 und Titelpartie in Puccini / La fanciulla del West (Das Mädchen aus dem goldenen Westen) am So 22.12.2019, 19:00

 

Credits:

alle Fotos  © Thomas M. Jauk / Stage Picture

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