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Handeln auf eigene Gefahr

Handeln auf eigene Gefahr

Leipziger Schauspiel liefert mit „Der Prinz vom Homburg“ einen Kommentar zur Zeit.

Die Musik spielt live, wenn das Publikum im Saal Platz nimmt. Ein Mann betritt die Bühne und eine Frau. Der Vorhang schließt sich. Ihr Spiel bleibt verborgen. Der Vorhang öffnet sich. Jetzt kommen die beiden einander näher. Der Vorhang schließt sich. Dahinter sprechen sie.

Von Henner Kotte

Der Vorhang öffnet sich. Nun wird das Paar von Gespenstern begleitet. Vielleicht ist das gar nicht die große Liebe. Der Vorhang schließt sich. Nun wissen wir: Er träumt sich’s schön mit der Liebe. Der Vorhang geht auf. Der Mann ist Offizier und bekommt vom Vorgesetzten Befehle. Doch mit den Gedanken woanders, kann er die nicht verstehen. Er schickt seine Truppe ins Feld, entscheidet die Schlacht zu seinen Gunsten und dem seiner Partei. So sehen Sieger aus – schalalala! – So sehen Sieger aus! Wie schön. Jetzt ist irgendwie Schluss mit dem Theater ganz ohne Vorhang. Die Darstellerriege verbeugt sich in slowmo: Kein Beifall.

Der Konflikt folgt: Bei allem Gejohle, der glorreiche Sieger hätte so nicht handeln dürfen, sein Befehl lautete warten bis … „Der Prinz von Homburg“ handelte eigenmächtig! Das ist Widerstand gegen die Staatsgewalt. Von einem Soldaten! Trotz Taumel und gutem Gefühl, auf dieses Handeln steht bei Strafe der Tod. Schwer einsehbar, doch gesetzlich. Gesetze müssen von jedem befolgt werden. Von jedem. Von jedem! Dem muss sich der Held fügen. Todesstrafe. Bei dem Gesetz wäre sein Leben in blühender Jugend vorbei: Das kann nicht sein! Auf alles würde der Prinz dafür verzichten. Auf alles! Auch auf die Liebe. Nur leben möchte er. Leben! Das kann er, meint da der Fürst, kann er, nur müsste er dafür den Urteilsspruch für Unrecht erklären. Das Gesetz wäre falsch und damit die Regeln? Der Vorhang schließt sich. Der Staatsdiener bleibt im Dilemma. Gesetz falsch? Der Vorhang öffnet sich. Es quält sich der Prinz. Der Vorhang schließt sich. Der Vorhang öffnet sich wieder. Sein Grab ist gegraben. Die geliebte Frau steht ihm bei. Der Vorhang schließt sich und öffnet sich, schließt sich und offen, geschlossen, offen, geschlossen, offen. Dann bleibt das Ding zu. Nur die Musik spielt noch weiter und spielt und spielt. Das Publikum ist gegangen.

Hausregisseur Philipp Preuss fügte dem Militärstück Heinrich von Kleists weitere Texte des Autors hinzu. Denn auch Kleist persönlich befand sich in auswegloser Situation: „Ich passe nicht unter die Menschen, es ist eine traurige Wahrheit, aber die Wahrheit.“ Er suchte nach Gleichgesinnten, die mit ihm den Selbstmord vollführen. Er fand sie: Henriette. Am Ufer des Wannsees erschossen sie sich. Wie der Held des Stückes handelt, bleibt offen. Der Vorhang verbarg es, doch es ist klar: Gnade kann es keine geben. Wo kämen wir hin, wenn jeder nach eigenem Gusto und Initiative. Da muss man die Frage schon stellen dürfen: „Was sind Regeln aus dem analogen Bereich und welche Regeln gelten auch für den digitalen Bereich, ja oder nein!“ Erklären lässt sich des Prinzen Konflikt schwerlich und nur in seiner Zeit. Der Offizier handelte erfolgreich, nur widersprach er damit dem Gesetz. Rezo und die Youtuber widersprachen keinem Gesetz, doch den Gepflogenheiten. Welch eine Aufregung! „Da müssen wir ganz klar über die Regeln reden.“ Tun wir doch.

Das Stück auf gegenwärtiger Bühne, die Wahl des „Prinz vom Homburg“ verblüfft. Das Drama schien doch schon immer ein wenig aus der Zeit gefallen und der Konflikt kaum nachvollziehbar. Eigenes und erfolgreiches Handeln kann Unrecht nicht sein, oder? Dass Theater und Regisseur damit voll den Nerv der Zeit trafen, war bei der Planung gar nicht abzusehen gewesen. Jetzt steht’s mitten im Leben! Doch es ist wie in Wirklichkeit: All die technischen Möglichkeiten stehen den Machern zur Verfügung und werden genutzt, doch hauchen sie der Inszenierung keine Lebendigkeit ein. Die Darsteller wirken wie Aufziehpuppen fremdgesteuert. „Ich fragte ihn, ob er glaubte, dass der Maschinist, der diese Puppen regierte, selbst ein Tänzer sein, oder wenigstens einen Begriff vom Schönen im Tanz haben müsse? Er erwiderte, dass wenn ein Geschäft, von seiner mechanischen Seite, leicht sei, daraus noch nicht folge, dass es ganz ohne Empfindung betrieben werden könne.“ – welch Parallelen! – doch eben die Krux, die Darsteller langweilen mit klassisch bekannten Text: Schwer verständlich, nachvollziehbar nicht, vorbeigeredet. Die Kostüme Biedermeier, Leinwand, Video und Gegrissel: Sendeschluss.

Dabei hat das Team die Unzahl handelnder Personen auf vier beschränkt. Diese Darsteller agieren grandios: Felix Axel Preißler als Prinz, Anna Keil als Prinzessin und Fürstin, als Fürst Andreas Kelelr und als Graf Hohenzollern Markus Lerch. Auch der Chor der Schauspielstudenten folgt der Choreografie. Die Bühne von Ramallah Aubrecht bietet Freiraum und alle Möglichkeiten. Die Musiker Kornelius Heidbrecht und Philipp Rohmer unterlegen mit ihren Klangcollagen toll den Abend. Aber all das nützt nix, wenn die Puppen auf der Bühne ohne oder mit jäh übersteigertem Gefühl Texte aufsagen, sich in roter Flüssigkeit wälzen (müssen) oder in Erde.

Das ganze unverständlich bleibt. Nehmen wir‘s als Meinungsäußerung des Leipziger Schauspiels, nicht eben geglückt, aber „es ist absurd, mir zu unterstellen, Meinungsäußerungen regulieren zu wollen. Meinungsfreiheit ist hohes Gut in der Demokratie. Worüber wir aber sprechen müssen, sind Regeln, die gelten.“ Und: Wir diskutieren nicht wie der Prinz über den sofortigen Tod. Die Todesstrafe wurde hierorts 1987 abgeschafft. Über unseren längerfristigen Untergang schon. Dann wäre der Vorhang endgültig gefallen. Die Regeln können/müssen geändert werden!

Annotation:

„Prinz Friedrich von Homburg“ von Heinrich von Kleist am Schauspiel Leipzig. Besuchte Vorstellung 30.05.2019; veröffentlicht 01.06.2019. Regie: Philipp Preuss; Bühne: Ramallah Aubrecht; Kostüme: Eva Karobath; Musik / Live-Musik: Kornelius Heidebrecht; Live-Musik: Philipp Rohmer; Video / Live-Video: Konny Keller; Dramaturgie: Clara Probst; Licht: Carsten Rüger. Es spielten: Felix Axel Preißler, Prinz Friedrich Arthur von Homburg; Anna Keil, Prinzessin Natalie / Kurfürstin; Andreas Keller, Kurfürst; Markus Lerch, Graf Hohenzollern; Chor Prinz Friedrich von Homburg

 

Was noch:

Nächste Termine: Sa, 22.06. 19.30; Wiederaufnahme So, 26.01. 19.30; www.schauspiel-leipzig.de

 

Credits:

Alle Fotos: © Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold

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