Home | Allgemein | … eine fotografische Zeitreise, Notizen und ein Blick ins Zirkuszelt unserer Zeit im MdbK Leipzig
… eine fotografische Zeitreise, Notizen und ein Blick ins Zirkuszelt unserer Zeit im MdbK Leipzig
Via Lewandowsky in seiner Ausstellung HOKUSPOKUS im MdbK Leipzig © Foto: Martha Spiegel 2016

… eine fotografische Zeitreise, Notizen und ein Blick ins Zirkuszelt unserer Zeit im MdbK Leipzig

Am 13. Februar 2016, im Museum der bildenden Künste Leipzig: eine Vernissage, zwei Ausstellungen, drei Künstler – eine fotografische Zeitreise, Notizen und ein Blick ins Zirkuszelt unserer Zeit stehen Seite an Seite sich gegenüber.

Fotografische Korrelationen

Stefan Koppelkamm – Häuser Räume Stimmen (14. Februar bis 29. Mai 2016)

„Es war überwältigend, was ich hier zu sehen bekam“, sagte der im Saarland geborene und in Berlin lebende Fotograf Stefan Koppelkamm über seine visuelle Erfahrung, als er 1990 Orte wie Leipzig, Görlitz, Dresden, Halberstadt oder Pirna im Osten Deutschlands entdeckte. Sicher war er nicht der einzige, dem es so erging, aber er führt uns in seinen Bildern mit einer sehr sachlichen Betrachtung in eine aufmerksam festgehaltene Zeitreise von vor 20 Jahren ins Jetzt und Heute. Es sind persönliche, mentale Positionen, die er beim Fotografieren einnimmt und diese nach zwanzig Jahren wieder aufsucht und exakt an der gleichen Stelle erneut auf den Auslöser drückt. Die Fotografien gewinnen durch ihre Schlichtheit, unverstellt und klar sieht man die Orte mit den Augen des Fremden, des Gastes. Da ist keine persönliche Erinnerung, kein direkter Bezug des Fotografen zu den Häusern und Straßen. Mit Staunen erfasst er Orte, die ihn interessierten. Nach zwanzig Jahren hat sich dieser Ausgangspunkt verändert, wie die Orte, die er erneut aufzeichnet. Auf eine merkwürdige Art und Weise verschmelzen die Fotografien und lassen uns, als Betrachter, dazwischenstehen und unsere eigene Zeitreise erleben. Außerdem überrascht Koppelkamm mit seinem unverstellten Blick auf Räume des Alltags.

Ein Zauber der Widersprüche

Via Lewandowsky – Hokuspokus (14. Februar bis 29. Mai 2016)

Via Lewandowsky, der in vielen künstlerischen Ausdrucksformen zu Hause ist, wenn sie nur seinem Ideenreichtum gerecht werden können. Beobachtung, Suche und die Auseinandersetzung mit Themen, die nicht nur ihn bewegen.

Tritt der Besucher in den Raum, kann er oder sie auf ein Erlebnis nach dem anderen stoßen. Auf einem Podest sind dicht an dicht weiße Sockel aufgestellt, die Teil einer Gesamtinstallation sind. Mancher Sockel hat seine Betrachter bereits verschlungen. Andere Verbindungen zwischen Betrachter und Werk werden durch Zerstörung des „Erhabenen“ gelöst. Man kann nur das sehen, was zusehen wir im Stande sind. Oder, wie es der amerikanische Kunstphilosoph John Dewey beschreibt: „Wir stellen die Kunst auf ein Podest ins Museum, um sie zu vermeiden. Wir müssen die Kunst wieder in den Alltag holen!“. Es sind, im Sinne der Ovid´schen Metamorphosen, eine Art Geäst der Formen und gleichzeitig eine unverstellte Sicht auf die Welt durch die quasi Annexion von vermeintlich alltäglichen Gegenständen. Via Lewandowsky versucht, die Ratio zurückzudrängen und seine Arbeiten ins Irrationale hinüber zu transformieren, so wie er die technische Perfektion aus ihrem Kreislauf herauszuholen versucht, um wiederum alles als etwas Menschliches, etwas Individuelles zu reklamieren. Mehr gibt es nicht. Ein Kofferradio aus den 1960ern mit Antenne, an der ein Rosenkranz kreisend auf- und abschwingt, ein Baseballschläger, dessen Griff verknotet, schlaff wie ein Penis herabhängt, Haarschöpfe, die wie, gesagt aus Sockeln auftauchen oder versinken, ein Rekorder aus DDR-Zeiten, der anfängt zu qualmen, wenn er eine Weile in Betrieb genommen wurde, eine zerschossene Vitrinen-Bedeckung, eine Bassgitarre, die sich selbst befriedigt, ein Baugerüst welches nur dazu dient, den Schriftzug „SIEG“ zu tragen, der ebenfalls bereits eine Transformation aus einer ehemaligen Dresdener Leuchtreklame ist. Es ist ein Bruchstück, das herausgefallen ist aus dem Schriftzug: DER SOZIALISMUS SIEGT. Es ist, was es ist. Ein Reigen aus Anspielungen und projizierten Lebensaussagen. Einige der Objekte sind interaktiv an die Bewegung der BesucherInnen gekoppelt, so dass es scheinbar spielerische Momente in der Ausstellung gibt. ´Fass mich nicht an, wenn du mich berührst` lautet die tradierte Devise der musealen Präsentation und steht damit ganz im Sinne des Künstlers im Dienste des Widerspruchs. Geht man in weitere Räume, gibt es die Begegnung mit Installationen, die durchaus mehr Platz verdient hätten, wie beispielsweise der schwankende und knarrende Hochsitz, oder das verbrannte Tafelgeschirr, dass Heiligtum der Sonntagsfamilie. Eine sehr persönliche Installation ist die Werkstatt des vor kurzem verstorbenen Vaters des Künstlers, der sich mit dem Fabrizieren von kleinen Holzfiguren beschäftigte. Wer genau hinschaut, erkennt kleine Figuren für weihnachtliche Pyramiden. Eine Figur in dieser profan daherkommenden Hobbywerkstatt dokumentiert die offensichtliche Neigung des Vaters zur Skurrilität mit einer harmlos wirkenden Pyramidenfigur mit Sprengstoffgürtel. Die mit Zitaten von Durs Grünbein (D.G.) unterschriebenen und einfach gerahmten Fotografien verlangen etwas Zeit oder einen anderen Rhythmus, poetisch, sinnlich. Nun mit dem Titel der Ausstellung „Hokuspokus“ lässt sich vieles assoziieren, aber er trifft den Kern. Eines ist doch sicher, das Wort „Hokuspokus“ reißt bereits die Mauern der „Erhabenheit“ ein, die man in der Bildenden Kunst mitunter zu hoch baut. (Petra Kießling)

Ausstellungsort:

Museum der bildenden Künste Leipzig
Katharinenstraße 10
04109 Leipzig

Öffungszeiten:

Dienstag und Donnerstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr

Mittwoch 12 – 20 Uhr

Feiertage 10 – 18 Uhr

Montag geschlossen

Scroll To Top