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Humanist ohne Macht-Gen

Humanist ohne Macht-Gen

Von Einems Büchner-Oper „Dantons Tod“ in Gera.

Eine Premiere aus langer Lockdown-Warteschleife – und ein runder Opernabend. „Dantons Tod“, Gottfried von Einems Sensationserfolg von den Salzburger Festspielen 1947, hat in den letzten Jahren eine Renaissance in Magdeburg, München, Wien und jetzt am Theater Altenburg Gera.

Von Ronald Dippel

Wenn die Chorstimmen bei den Hinrichtungen Dantons und seiner Gefährten zum Fall der bühnenbreiten Guillotine frontal ins Publikum gellen, rückt die Zeit der Pariser Terreur, fünf Jahre nach dem Sturm auf die Bastille, in eindringliche Nähe. Im Geraer Jugendstil-Theaterhaus rundet sich der Orchestersteg weit in das Hufeisenrund. Die offene Akustik des Saals steigert die grelle Wirkung. Diese Inszenierung fordert plakative Erschütterung und will zugleich historische Deutlichkeit: Typoskripte auf den Zwischenvorhang verdichten die Hintergründe in Distanz zur Handlungszeit 1794 und erheben diese zur Allgemeingültigkeit. Wenn die Lichtgestalt Lucille, Desmoulins‘ Frau und hoch schwanger, ihr provokatives „Es lebe der König stammelt“, stirbt sie ohne Schusssalve. Da kommt Einems Oper im Theater Gera der Aura und dem Gehalt von Georg Büchners Dramentext am nächsten.

In der Inszenierung des vor kurzem bis 2027 verlängerten Generalintendanten Kay Kuntze ist Lucille die Hauptfigur neben dem sittenstrengen Politiker Robespierre. Johannes Pietzonka in seiner ersten großen Partie als Charaktertenor spielt den Tugendwächter mit starren Bewegungen, stierem Blick und soldatischer Selbstbeherrschung. Damit ist er das Gegenteil von Danton, an dem der Komponist „die Fülle, die Vitalität, das gewisse laisser vivre“ liebte. Danton geht mit seiner Eleganz und Persönlichkeit in Martin Fischers mit Rot gefluteten Flächen zwischen den globigen Seitenwänden auf. Wenn Danton über die Einsamkeit des Menschseins räsoniert, hat das von Alejandro Lárraga Schleske auch stimmlich eine jungenhafte Lässigkeit mit Sympathiebonus. In den Farben und Massen der Bühne verschwimmt Danton allerdings, in der Gruppe der Hinzurichtenden ist er fast unauffällig. Diesem Danton glaubt man kaum, dass er die machtvolle Gegenkraft zum eiskalten Robespierre war und sein könnte. Denn dazu fehlt seinem Freisinn die rhetorische Energie, zeigt er im Gegensatz zu seinem emotional erkalteten Gegner keinerlei Autorität. Schleskes Danton ist Humanist ohne Macht-Gen.

Kuntze geht es bei den eingeblendeten Zitaten um die staatstheoretischen und philosophischen Aspekte der ihre Kinder fressenden Revolution. Das Lauern der Massen auf das Schlachten gerät deutlicher als die Angst, selbst wenn GMD Ruben Gazarian mit dem Philharmonischen Orchester Altenburg Gera neben der Gewalt auch den Glanz und die Rundungen der Einemschen Klangsprache modelliert: Große Oper in nur 90 Minuten, die Wesentliches mit Mut zur Lücke akkumuliert und auf knappem Zeitraum mit großer Geste anprangert. Lucilles‘ Klagen gehen Anne Preuß mit großer Intensität von den Lippen. Sowohl ihr Empirekleid wie ihr Ausdruck machen sie zu Dantons Gesinnungsgenossin, während Isaac Lee als ihr Mann Desmoulins unverhältnismäßig streng wirkt. Fast alle anderen sind deutlich modellierte Episodenfiguren: Jasper Sung als Hérault de Séchelles, Roman Astakhov als St. Just, Johannes Beck als Herrmann, Kai Wefer als Simon und Joanna Jaworowska aus dem Thüringer Opernstudio als Dantons Frau Julie.

Von Einem gewährt in seiner Vertonung des von ihm mit Boris Blacher eingerichteten Textbuchs nur wenig Zeit für die Profilierung der Figuren. Diese sind in ihren Reaktionen den Ereignissen immer hinterher. Trotzdem kommt die Szene immer wieder zum Stillstand, wenn der Chor zum quellenden Teig aus Masse und Macht wird. Unter der Leitung von Alexandros Diamantis geraten diese Massen so messerscharf wie Robespierre, während Danton als Freigeist der Mitte zerfasert. – Es gab großen Applaus. Die von Preuß berückend, das heißt mit Sentiment und Kraft gesungenen Kantilenen, entlassen das Publikum aus einer Inszenierung mit theatralem Gewaltpotenzial und theoretischem Überzeugungseifer ins Ungewisse einer weitaus komplizierteren Gegenwart.

Annotation

“Dantons Tod“. Oper in zwei Teilen (sechs Bildern), Libretto von Boris Blacher und Gottfried von Einem nach dem Drama von Georg Büchner, Musik von Gottfried von Einem am Theater Altenburg/Gera. Premiere, 16.09.2022.

Musikalische Leitung GMD Ruben Gazarian, Inszenierung Kay Kuntze, Bühne, Kostüme Martin Fischer, Choreinstudierung Dr. Alexandros Diamantis, Dramaturgie Sophie Jira

Besetzung: Georg Danton – Alejandro Lárraga Schleske, Camille Desmoulins – Isaac Lee, Hérault de SéchellesJasper Sung*, Robespierre – Johannes Pietzonka, St. Just – Roman Astakhov, Herrmann – Johannes Beck, Simon Kai Wefer, Ein junger Mann – Raoni Hübner, Lucile Desmoulins – Anne Preuß, Eine DameDiane Claars, Simons Frau – Jana-Lea Hess, 1. Henker – Taiki Miyashita, 2. Henker – Andreas Veit. Julie – Joanna Jaworowska* (* Thüringer Opernstudio)

Weitere Vorstellungen: Fr 23. Sep 2022, 19:30 – So 25. Sep 2022, 14:30 – Sa 1. Okt 2022, 19:30 – Mo 3 Okt 2022, 18:00

Besuchte Vorstellung: 16. 09. 2022 (Premiere), veröffentlicht (17.09.2022)

Kontakt

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Credits

Text: Roland Dippel, freier Theaterkritiker Leipzig/München

Fotos: © Ronny Ristok

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