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Janáček-Expertise vom Originalschauplatz

Janáček-Expertise vom Originalschauplatz

Das Nationalheater Brünn gastiert mit “Jenůfa” in der Oper Leipzig.

Katerina Kalistova, Vizekultusministerin von Tschechien, und Oberbürgermeister Burkhard Jung beenden in der Oper Leipzig mit einem würdigenden Rückblick das tschechische Kulturjahr. Danach hob sich der Vorhang über einem Gastspiel des Nationaltheaters Brünn vor weitaus mehr leeren Plätzen als für dieses Gastspiel mit über 200 Mitwirkenden aus der Partnerstadt Leipzigs angemessen war.

von Roland H Dippel

Es musste unbedingt die bekannteste Oper von Leoš Janáček sein, weil der mährische Komponist und Volksmusikforscher vier Monate lang in Leipzig studiert hatte und am Theater Brünn die meisten Uraufführungen seiner Opern stattfanden. Gewiss war für Leipziger Stammbesucher auch der Vergleich mit der vor einigen Jahren abgesetzten und so packend eindringlichen Inszenierung von Dietrich Hilsdorf spannend. Aber ungenutzt blieb die ideale Gelegenheit, ein Werk vorzustellen, das außerhalb des aktuellen Leipziger und mitteldeutschen Repertoire-Fokus steht.  Verpasst die Chance, mit einer echten Rarität wie Smetanas „Libuse“, Martinus „Marienspiele“ oder gar der Brünner Uraufführung von Michal Nejteks „Benimmregeln in einer modernen Gesellschaft“, die alle zum Planungszeitpunkt im Repertoire des Nationaltheaters Brünn standen, zu punkten. Gleichviel: Die Ovationen waren kräftig, lang und lautstark.

Aufschlussreich wurde dieses „Jenůfa“-Gastspiel allerdings in Hinblick auf regionale Tradition, Janacek-Verständnis und Orchester-Kultur in Brünn. Martin Glaser fand in seiner Inszenierung aus dem Jahr 2015 für die stellenweise mit folkloristischer Aktivität belebten Bilder stilisierende Mittel. Im ersten Akt gibt es unter der von Pavel Borák fast impressionistisch gestalteten Baumkrone eine tänzerisch und pantomimisch fast schwebende Apfelernte mit echten Äpfeln. Das Drama der vom eifersüchtigen Laca mit einem Messer im Gesicht verunstalteten Jenufa, die von ihrem Liebhaber Števa verlassen wird, vollzieht sich in einer Reihe identischer Raumzellen mit Kruzifixen. Dort ist jede Figuren mit ihren psychischen Nöten allein für sich. Am Schluss endlich herrscht winterliches Tauwetter. Nach überstandener Katastrophe gehen Jenůfa und Laca mit milder Zuneigung füreinander durch den Regen.

Trotz dezent ironisierender Überfärbungen bieten die Volksszenen pralles Theater. Der Chor (Einstudierung: Josef Pančík), die Tänze (Choreographie: Mário Radačovský) und Kostüme (Markéta Sládečková) bestätigen, dass man für die Handlung über einen Mord an einem Säugling, der letztendlich eine Untat aus Liebe ist, mehr will als krachlederne Folklore. Jede der Hauptfiguren kommt Janáčeks Vorstellungen nahe, weil gute und negative Eigenschaften deutlich ineinander wirken. Kargheit wird wichtiger als Eleganz, mit der Idylle ist allerspätestens am Ende des ersten Akts Schluss. Deshalb wirkt Jaroslav Březina als Laca goldrichtig, gerade weil ihm bei seinen einzigen Extremtönen mitten in Janáček Sprachmelodie die Stimme abbricht und der gemeinte Sinn der Phrase so noch deutlicher wird. Tomáš Juhás kehrt als Števa mehr den aufgekratzten Angeber als den wendigen Verführer heraus. In Jitka Zerhauovás Darstellung der Alten Buryja und in den Nebenrollen wird das Ringen des Nationaltheaters Brünn deutlich, eine auf der Tradition aufbauende Sichtweise und ein zeitgemäßes Menschenbild zu verbinden. Das gipfelt in der spannungsreichen Verkörperung der Küsterin, die nach schweren inneren Kämpfen Kind erfrieren lässt, um ihre Ziehtochter vor Schande und Ausgrenzung zu retten. Die größte Überraschung: Szilvia Rálik setzt für eine der großartigsten Opernpartien überhaupt anstelle eines gereiften Mezzosoprans jugendlich-dramatische Soprantöne von schier unbegrenzten physischen wie psychischen Reserven ein. Eine derartige vokale Nähe zwischen ihr und der sich in etwas weicheren Linien artikulierenden Jenůfas (Pavla Vykopalová) hört man nur selten. Die Brünner Aufführung bewegt sich auf Augenhöhe mit der historisch informierten Janáček-Rezeption: Die Edition von Charles Mackerras und John Tyrrell nimmt die glättenden Orchesterretuschen von Karel Kovařovic zurück und macht neben der in deutschen „Jenůfa”-Aufführungen oft gestrichenen Tanzszene das zweite große Solo der Küsterin zugänglich.

Nicht nur die spannungsdichte Klangdramaturgie des Orchesters des Nationaltheaters Brünn ist aufschlussreich, sondern auch die seltene Gelegenheit, im Opernhaus am Augustusplatz einmal einen anderen Klangkörper als das Gewandhausorchester zu erleben. Es zeigt sich: In diesem Saal ist weitaus mehr möglich als der runde, getragene Sound des heimischen Spitzenklangkörpers. Marko Ivanović, den nordeuropäische Opernhäuser gern und oft als Experten für das slawische Fach holen, denkt mit seinem Orchester bei Janáčeks musikalischen Perforationen nicht nur an Fassadenfarbe, sondern vor allem an Zement und Bodenunebenheiten. Die scharfen Risse in Janáčeks Harmonik, die Löcher zwischen hohem Holz und Kontrabässen erzählen viel von den Rissen in den Figuren, um im nächsten Takt ohne Übergang in herbstlich schönem Bögen aufzublühen. Mit fortschreitenden dramatischer Verdichtung intensiviert sich die Dichte des Klangs und erliegt selbst dann, wenn Janáčeks in leidvollen Momenten eine berückende Melodie-Zelle an die nächste hängt, nicht der Verführung zum sich selbst genügenden Wohllaut. Das versöhnliche, aber nicht euphorische Schlussduett zwischen Jenůfa und Laca muss folgerichtig zur einzigen langen Melodie des Abends werden. Der Applaus für die Sänger auf der Bühne war danach lauter als für die Musiker im Graben. Umso deutlicher wurde, auf was für einem Missverständnis der Versuch mitteleuropäischer Philharmonien beruht, wenn sie Janáček zu einem zweiten Mahler oder Richard Strauss glätten wollen. Dieses Statement gegen kulinarische Glätte aus der Janáček-Kompetenzzone Brünn prägt sich auch dank dieser unprätentiösen Haltung mit Nachdruck ein.

Annotation:

http://www.ndbrno.cz (Nationaltheater Brünn mit umfangreichen Informationen in deutscher Sprache)

Credits:

besuchte Vorstellung 8.11.2019, veröffentlicht 10.11.2019

Fotos: Patrik Boretcky

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