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Leipzig: Das Genie ist tot, es lebe das Genie! – „Die Empfindsamkeit der Giganten“ im Lindenfels Westflügel
Michael Vogel, Christoph Bochdansky (v.l.) Foto: (c) Thilo Neubacher

Leipzig: Das Genie ist tot, es lebe das Genie! – „Die Empfindsamkeit der Giganten“ im Lindenfels Westflügel

Sind Leonardo, Freud, Bach … noch der Rede wert? Wann wurde deren Genius erkannt? Oder wurden deren Leistungen jemals in Frage gestellt? Das Genie eine bloße Spiegelung für Vergangenes, zurechtgeschnitten für unsere Zeit? Erst vor einiger Zeit fragte mich ein kurdischer Künstler, aus Syrien stammend, danach, wieso er ein großer Genius war, dieser Leonardo? Er fragte nach dem großen Künstler, dem Erfinder, dem doch nichts gelang?

©Figurentheaterzentrum Westflügel Leipzig

©Figurentheaterzentrum Westflügel Leipzig

Mit viel Einfallsreichtum und in einem kreisenden Spiel brachten die Akteure „Die Empfindsamkeit der Giganten“, das inzwischen dritte gemeinsame Stück von Charlotte Wilde, Michael Vogel (Leipzig) und Christoph Bochdansky (Wien), an diesem Abend im Westflügel auf die Bühne.

Gleich zu Beginn wollte Christoph Bochdansky klar und deutlich vermitteln, dass wir alle Anspruch auf einen Teil des Genies hätten, und deshalb sei es notwendig, es demokratisch unter uns allen aufzuteilen. Aber er verwarf ihn gern und schnell, diesen demokratischen Gedanken, und genoss das Aussaugen und das Partizipieren der längst verstorbenen Genies. Die Perfektion steckt in der Authentizität der Verwertung des Genialen, und die Verwerter sind mit Verlaub natürlich genial. Die Maske des Leonardo vor sich herzutragen, ohne ein eigenes Gesicht zu haben, das ist der geistreiche Umgang mit dem Genialen. „Alles kein Problem, wenn das Genie über einen kommt.“ Im Sinne des immer zeitgemäßen Narzissmus bewegte sich das Spiel genial sarkastisch und mit einer gesunden Prise von Selbstironie um das Thema.

Wie Hexenmeister versuchten sie sich die Genies reihenweise zu eigen zu machen. Mit einer Haarsträhne Leonardos, dem Kinderklavier des kleinen Johann Sebastians oder dem Qualm aus der Zigarre Sigmunds erfanden sie beschwörend Formeln, um den leblosen Hinterlassenschaften der großen Genies den imaginären Geist zu entreißen. Gespinste, Verästelungen, die verworren – wie man sich ein Funktionsmodell eines genialen Gehirns vorstellen könnte – über ihren Köpfen schweben lassen, in der Hoffnung, dass der große Zauberer Bochdansky einfach nur zugreifen und ernten kann, was einst gedacht und erfunden wurde. Die Musik von Bach und Schubert, interpretiert auf Violine und Harmonium von der Klangkünstlerin Charlotte Wilde, gab dem Zauber der spielerischen Szenerie den perfekten emotionalen Glanz.

Michael Vogel (im Stoff)  Foto: Thilo Neubacher

Michael Vogel (im Stoff)
Foto: Thilo Neubacher

Die Tanzperformance eines imaginären Geistes, die durch das künstlerische Können des „Nichttänzers“ Michael Vogel zu einem eigenständigen Erlebnis wurde. „Die Kunst ist tot! Es lebe die Kunst!“  Der Ansatz des Stückes, die Idee von unserem kollektiven Umgang mit dem Genius, wurde in den Proben ausgebaut, geformt, weiterentwickelt. „Gemeinsam etwas inszenieren, was aus der Probe, aus dem Prozess sich entwickeln kann, ist immer wieder eine spielerische Herausforderung. Die Kunst besteht darin, aus der Routine auszubrechen.“ war die Antwort auf die Frage nach dem Besonderen in der Kooperation mit dem Duo &Vogel, des ungarische Objekttheater-Pioniers Gyula Molnár, der an der Entwicklung der Inszenierung einen wesentlichen Anteil hatte. In dieser Inszenierung wurde ein Zirkus der Eitelkeiten auf die Bühne gebracht. Mit grotesken Ideen der Clownerie und mit feinsinniger Skurrilität in der Sprache entstand ein genialer, lebendiger Zerrspiegel unserer Wahrnehmung des Genies.

Um tiefer den Gedanken zu folgen, gibt es ein wunderbares Programmheft – man kann es auch Begleitheft nennen. Eine einerseits inhaltlich aufwendige und lesenswerte Broschüre, die andererseits auch grafisch hervorragend gestaltet ist. Die Redakteurin Janne Weirup und der Grafiker Robert Voss haben eine beachtenswerte Ergänzung zum Stück geschaffen.

Petra Kießling

Eine Produktion von Christoph Bochdansky (Wien) und Figurentheater Wilde & Vogel (Leipzig) ::: Spiel, Bühne und Figuren: Christoph Bochdansky und Michael Vogel ::: Live-Musik: Charlotte Wilde ::: Dramaturgische Mitarbeit: Janne Weirup ::: Entwicklungshilfe: Gyula Molnár

 

Lindenfels Westflügel

Hähnelstr. 27 | 04177 Leipzig

Tel: 0341 2609006 E-Mail: service[at]westfluegel.de

Die Abendkasse ist jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn geöffnet.

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