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Leipzig: Die Grandezza der Gosse
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Leipzig: Die Grandezza der Gosse

In der MuKo tanzen „Me and my Girl“ den Lambeth Walk of Fame

Es ist eine einfache Geschichte, doch sieht man sie stets gern: „Der Weg nach oben“ ist auch für sozial Benachteiligte begehbar: Mal durch Zufall, mal durch die Liebe, mal ham die Armen geerbt.

Von Henner Kotte

Nora Lentner als Sally Smith

Die Geschichten von „Pretty Woman“, „My fair Lady“ und „King Ralph“ sind ähm einfach zu scheen und lassen ä bissel den Alltag wegträumen. Klar, es muss dem Aufsteiger noch etwas Etikette anerzogen werden, an seiner Kleidung wird gezupft, bis sie passt, und sein Slang gehört an den Stammtisch und nicht ans Gala-Buffet. „Mein Gott, jetzt hat sie’s!“ seufzt da der Lehrer. Itzo werkelt man in der MuKo an einem Gossenjungen.

Herbert, der pfiffige Anwalt, hat den verlorenen Adelsspross derer von Hareford aufgetrieben. Die Herzogin von Dene nimmt sich dieses Bill Snibson an. Doch der will partout nicht seiner Vorstadtliebe Sally entsagen, wäre für sie gar bereit, auf Reputation und das Geld seiner Vorfahren zu verzichten. Doch die Erbfolge blauen Bluts muss gesichert werden, deshalb macht Sir John (nicht der aus den Edgar Wallace-Filmen!) Sally heimlich zur Lady. Das Musical von Noel Gay ist die inverse Geschichte von „My fair Lady“, wurde nur zwanzig Jahre eher uraufgeführt. Am Ende gibt’s, wie sich’s gehört, dreimal Hochzeit, dazwischen jedoch Eifersüchteleien, Empfänge, gefühlige Lieder und heiße Rhythmen. Die Schmonzette wird nun mit Schmackes Leipzig serviert, das Publikum reißt’s von den Sitzen.

„Me and my girl“ ist die Abschiedsinszenierung des von der MuKo gehenden Chefregisseurs Cusch Jung. Er zückt nochmal alle Register der Kunst, um eine triviale Story nicht billig erscheinen zu lassen. Das Ensemble bewegt sich upper and working class in den aparten Bildern von „Downton Abbey“. Die tragenden Rollen entgehen smart ihrem angelegten Klischee. Charlie-Chaplin-Slapstick kann immer noch funktionieren. Die Choreografien Andrea Danae Kingstons folgen dem Enthusiasmus einer Westside-Story. Und Stefan Klingele bringt das Orchester in solche Stimmung, in der die Musik mehr als herzige Untermalung nur ist. „Ach Gottchen, Charlottchen!“ Das Leben ist schön.

Die Personen und ihre Darsteller gehen mit Freude und Können ans Werk. Vikrant Subramanian zeigt Charakter hinterm windigen Anwaltsgebaren, Milko Miley Gefühl hinter der steifen Butler-Fassade. Er verantwortet den witzigen Höhepunkt, als er Duke Ellingten und Lord Zing samt Gattin empfängt. Jeffrey Krueger und Lilli Wünscher schlagen sich als junges Paar gut. Michael Raschle beeindruckt als Sir John mit schauspielerischem Talent und blasiertem Benehmen. Angela Mehling verzweifelt als Lady Maria an der Erziehung des unwilligen Kindes. Andreas Rainer kämpft aller Nuancen um seine Liebe, die Nora Lentner als Sally temperamentvoll verkörpert. Man kann den Burschen verstehen, dass er nicht von ihr lassen will. „My Lady! Sir! Der Wagen ist vorgefahren.“

Und doch nimmt der Abend nur langsam Fahrt auf. Das Uraufführungsambiente der Dreißiger wird zu Beginn nur selten gebrochen. Wenn Bill und Sally der Vorstadtgosse entstammen, müssten sie doch Dialekt sprechen. Nu warr? Und wenn die bessre Gesellschaft der Nabel der Gegenwart wäre, als den sie sich dünkt, hätte sie längst das Gendersternchen verinnerlicht und der Alte brauchte kein Hörrohr, um nix zu verstehen. Hier wird zu wenig wider den Stachel gelöckt. Der sticht erst zu, als die Street-Art mit ihrem Lambeth-Walk die Adelspuppen richtig tanzen lässt. Dann aber reißt der Faden nicht mehr. Mehr noch: Er wird zur besten Abendunterhaltung gestrickt, bei der man bedauert, dass die Show nun zu Ende.

Als einziges kommunales Theater hat sich die MuKo eine junge wie alte Fangemeinde erschlossen. Da wird verdienter Applaus nicht nur gespendet, da wallen Emotionen zur Bühne. Nun sagt der Cusch Jung nicht leise Servus. Dem Haus ist zu wünschen, das Kontinuität Einzug gehalten hat.

Annotation

„Me and my Girl“. Musical-Comedy in zwei Akten an der Musikalischen Komödie Leipzig. Musik von Noel Gay; Buch und Liedtexte von L. Arthur Rose & Douglas Furber; Neubarbeitung des Buches von Stephen Fry & Mike Ockrent; Deutsch von Hartmut H. Forche & Mary Millane; Deutsche Liedtexte von Joachim Carl unter Mitarbeit von William Arthur. Musikalische Leitung Christoph-Johannes Eichhorn, Inszenierung Cusch Jung, Choreografie Andrea Danae Kingston, Bühne, Kostüm Karin Fritz, Choreinstudierung Mathias Drechsler, Chor MuKo, Extrachor, Ballett MuKo, Orchester Musikalische Komödie

Mitwirkende: Sally Smith Nora Lentner, Lady Jacqueline Carstone Lilli Wünscher, Maria, Herzogin von Dene Angela Mehling, Mrs. Worthington-Worthington Franziska Schwarz, Mrs. Wirtz-Schlaechter Konstanze Haupt, Mrs. Brown Claudia Otte, Köchin Martina Wugk-Kratz, Mädchen aus Lambeth Tatiana Andrea Duarte de Sousa, Bill Snibson Andreas Rainer, Sir John Tremayne Michael Raschle, Charles Hethersett Milko Milev, Gerald Bolingbroke Jeffery Krueger, Herbert Parchester Vikrant Subramanian, Sir Jasper Tring Radoslaw Rydlewski, Bob Barking Tobias Latte, Constable Mathias Möller

Besuchte Vorstellung: Premiere 25.6.2022. Veröffentlicht: 26.6.2022. Bearbeitet: 27.6.2022. Weitere Termine: 1.7., 19.30 Uhr; 2.7., 19 Uhr; 3.7., 15 Uhr; 16.7., 19 Uhr; 17.7., 15 Uhr

Kontakt

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Credits

Fotos (3): © Tom Schulze

Text: Henner Kotte, freier Schriftsteller und Theaterkritiker, Leipzig

Jeffery Krueger und Lilli Wünscher
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