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„Lohengrin“ mit der Brechstange

„Lohengrin“ mit der Brechstange

Oper Leipzig: Kein Beitrag zu „Wagner 22“

Im Kurzaufsatz „’Lohengrin‘ neu denken“ für das Programmheft zur „Lohengrin“-Premiere in der Oper Leipzig beantwortet Generalintendant Prof. Ulf Schirmer seine Selbstbefragung über die Legitimität besonderer Spielmaßnahmen während der Pandemie so: „Wir haben dabei kein formelhaftes Vorgehen, sondern entscheiden für jedes Werk individuell neu, wie wir mit ihm umgehen können und dürfen, sodass wir dem Publikum ein maximales Opernerlebnis bieten können.“

von Roland H Dippel

Im Falle der Premiere von Richard Wagners „Lohengrin“ am Abend des Allerheiligen-Sonntags betrug das individuell maximale Opernerlebnis im Haus am Augustusplatz immerhin ca. 60% der Gesamtspieldauer, vom Chor-Part einer der wirkungsvollsten Chor-Opern des Repertoires waren es allerhöchstens 50%. Nun stellt sich die Frage, ob nicht nach der definitiven Kündigung der Koproduktion „Lohengrin“ durch das Gran Teatre de Liceu Barcelona und nach der krankheitsbedingten Absage von Katharina Wagner eine Verschiebung in eine Zeit nach den Sicherheitsmaßnahmen oder der Verzicht auf diese Produktion nicht von größerem künstlerischen Weitblick gezeugt hätte.

Denn die reichlich halbe Portion „Lohengrin“ bedeutet nicht nur den eigentlich unentschuldbaren Verzicht auf viel tolles musikdramatisches Material, sondern auch einen Abschied von der in den letzten Jahren an den Theatern stattgefundenen Steigerung an Hör- und Aufmerksamkeitskultur. Selbst an kleinen Bühnen wurden die ‚üblichen Striche‘ in italienischen Opern weitgehend geöffnet, an großen Häusern gab es große französische, mit einer Wagner an Länge sogar übertreffenden Opern nahezu ungekürzt – und das Publikum hatte seine Freude daran. Aufführungen mit angemessener (das bedeutet nicht immer großer) Besetzung gelten als Kernaufgabe renommierter Opernhäuser, zu denen sich die Oper Leipzig zählt. Möglicherweise wäre also ein „Lohengrin“ in der Originalbesetzung der knapp 50-köpfigen Hofkapelle am Uraufführungsort Weimar 1850 sogar weitaus spannender gewesen als die mit fieberhafter Eile vom 7. November auf den letzten möglichen Premierenabend am 1. November verlegte ‚klassisch‘ großdimensionierte, allerdings stark eingedampfte Fassung. An eine ‚kleine‘ Variante wie das „Rheingold“ auf dem Dach der Deutschen Oper Berlin in einer ernstzunehmenden Kammer-Orchestration wie der von Jonathan Dove dachte man in Leipzig offenbar nicht und hielt lieber an einer von Fortissimi geprägten und insgesamt kraftstrotzenden Sängerleistung fest. So blieb der Applaus-Hagel nicht aus und wurde dieser in erster Linie eine Liebeserklärung des Publikums an sein A-Sonderklasse-Orchester. Diesmal war der Beifall sogar besonders üppig, obwohl einige Karteninhaber aufgrund vor Ort explodierter Infektionszahlen nicht in die Vorstellung durften.

Das Spannendste an dieser gekürzten Fassung von „Lohengrin“ ist allerdings deren Vorgeschichte, die mindestens bis zum letzten „Tannhäuser“ der Oper Leipzig im Jahr 2018 zurückreicht. Damals sagte Katharina Wagner der Oper Leipzig schon einmal ab. Deshalb erlebte die „Tannhäuser“-Inszenierung Calixto Bieitos nach Antwerpen, Bern und Venedig auch noch eine Leipziger Premier.

Schon steht der Termin der „Lohengrin“-Vorstellung im Paket „Wagner 22“ mit allen Wagner-Dramen in chronologischer Reihenfolge nach Entstehung fest: 30. Juni 2022. Aber das wird ein schon wieder anderer „Lohengrin“ sein. Denn natürlich wird dem Corona-Intermezzo mit dem gekürzten „Lohengrin“ noch eine echte Neuproduktion folgen und Ulf Schirmer, der schon das Leipziger Remake von Peter Konwitschnys Hamburger „Lohengrin“ am 18. Dezember 2009 dirigiert hatte, wird in seiner Intendanten-Ära auf drei „Lohengrin“-Produktionen in 14 Jahren kommen – bei maximal fünf Opernpremieren je Spielzeit im großen Haus.

Auf die Gipfel von Peter Konwitschnys vielschichtigem Klassenzimmer-“Lohengrin“, der in Hamburg seit 22 Jahren Kult ist und nicht für Leipzig offenbar nicht gut genug war, schwingen sich Patrick Bialdygas Regie, Norman Heinrichs Tische und Jennifer Knothes Alltagsmoden nicht auf. Da werden Ortrud und der Schwanenritter säuberlich nach Schwarz und Weiß dualisiert. Hämisch grinsend tritt die Heidin Ortrud herbei und drängt Elsa den Brautschleier auf. Stéphanie Müther, die sich mit veritablem und strapazierfähigem hochdramatischem Sopran in die erste Reihe des europäischen Wagner-Olymps Heroinen singt, kann das bei Joan Anton Rechis Chemnitzer Rummelplatz-„Lohengrin“ und Ingo Kerkhofs Dortmunder „Lohengin“-Inzestphantasie erlernte Psychomaterial weder zeigen noch anwenden. Ihren Schwur an die „entweihten Götter“ schleudert sie auf die zwischen Goetheanum und Thing-Symbolik verortbaren Holzskulpturen des Bayreuther Künstlers Klaus Hack.

Hier entfallen also die lange Vorbereitung von Elsas Traum, Lohengrins erstes Solo vom „lieben Schwan“, das erste Jubelfinale, die zweite Hälfte des zweiten Aktes und vieles aus dem Schlussbild. Der Chor singt aus dem Off und Thomas Eitler-de Lint nimmt für sein Kollektiv, das erst vor kurzem auch in einem Wagner-Konzert prunkte, die Ovationen entgegen. Der Regierungswechsel zu Lohengrins Abschied vollzieht sich durch einen Knaben (Nico Zeise), zu welchem dem Regieteam partout nichts einfallen wollte. Der Schwanenritter bringt seinen Schwan in einer Glaskugel mit.

Es ist ein wirkungssatter und lautstarker „Lohengrin“ trotz Jennifer Holloways musikalischer Differenzierungskraft für eine Elsa, die sich vor dem mit weißen Rosenblättern überstreuten und aus Tischen zusammengebauten Brautbrett lieber kratzt als dem rubusten Schwanenritter im Trenchcoat hingibt. Der König trägt blauen Samt als Sakko und als Krone auf dem Haupt. Schade, dass man Randall Jakobshs charakterstarkes Bassmaterial nicht für die Inszenierung nutzbar machte. Neben der dominanten Ortrud und dem blinden Kläger Telramund, als der Simon Neal kantig auftrumpft, bleibt König Heinrich also belanglos. Der schwedische Tenor Michael Weinius, mehr Kriegsfürst als Liebhaber, weicht in der Titelpartie mit keinem Ton den philharmonischen Sturmangriffen des Gewandhausorchesters, die von der Hauptbühne über die Solisten auf dem hochgefahreren Orchestergraben ins atemlose Auditorium rasen. Und der Applaus brandet dankend, bevor sich das Publikum in die nächste theaterfreie Zeit vorerst bis 30. November begibt. Aktuelles zur nächsten, ursprünglich für den 29. November geplanten Premiere von Verdis „Der Troubadour“ wird in den nächsten Wochen bekanntgeben.

Annotation

„Lohengrin“. Text vom Komponisten. Gekürzte Fassung. Musikalische Leitung: Ulf Schirmer – Inszenierung: Patrick Bialdyga – Bühne: Norman Heinrich – Kostüme: Jennifer Knothe – Licht: Stefan Bolliger – Chor: Thomas Eitler-de Lint, Opernchor, Gewandhausorchester – Elsa: Jennifer Holloway – Ortrud: Stéphanie Müther – König Heinrich: Randall Jakobsh – Lohengrin: Michael Weinius – Telramund: Simon Neal – Heerrufer: Mathias Hausmann

Credits

Besuchte Vorstellung/Premiere 01.11.2020; veröffentlicht: 27.11.2020 (Verspätete Veröffentlichung auf Grund technischer Probleme des Blogbetreibers. Unsere Entschuldigung gilt den Künstlern und dem Autor.)

Fotos © Kirsten Nijhow/Oper Leipzig

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