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Liebesmär. Tränenmeer. Noch mehr

Liebesmär. Tränenmeer. Noch mehr

Das Leipziger Schauspiel artikuliert eindrucksvoll die Tragödie von „Medea“.

„Der Gebildete treibt die Genauigkeit nicht weiter, als es der Natur der Sache entspricht“, schrieb Aristoteles. Mit diesem Zitat eines großen Theatermannes beginn die Rezension

Von Henner Kotte

Ob angesagter Inszenierungsaction und -klamauk vergaß der geneigte Zuschauer letzter Zeit oft, dass Schauspiel Sprechtheater heißt und sein sollte. Euripides und seinem antiken Klassiker „Medea“ vertraut Regisseur Markus Bothe, er vertraut dem Text, der Geschichte und vor allem seinem Ensemble. Kathrin Froschs schnörkellose Bühnengestaltung lenkt vom Geschehen nicht ab und gibt Assoziationen weiten Raum. Alle Darsteller beherrschen die Sprachkunst so, dass sie ihre volle Wucht entfalten kann. Das Publikum lauscht gebannt dem Fortgang der Tragödie, die altbacken scheint und doch sehr gegenwärtig ist: Klassische Theaterkunst wird erlebbar.

Die mörderische Geschichte der „Medea“ hat in Jahrtausenden Generationen immer wieder beeindruckt, Fassungslosigkeit erzeugt, zu zahllosen Interpretationen Anlass gegeben. Autoren haben sich daran festgeschrieben wie Christa Wolf oder Heiner Müller. Aktricen hat „Medea“ zu Legenden gemacht. Unsere Gegend haben im letzten Jahrzehnt Sophie Reus und Anita Vulesica als solche beeindruckt. Die jetzige „Medea“ Anne Cathrin Buhtz steht ihren Vorspielerinnen dabei nicht nach. Aber das Schicksal hat diese Mutter und Gattin auch dermaßen gebeutelt, dass es zum dramatischen Höhepunkt der Theaterkunst avancieren musste: Aus Liebe macht „Medea“ Jason zum Helden, verlässt seinetwegen die Heimat, schenkt ihm zwei Kinder. Im Leben neu eingerichtet, glaubt sie den Verheißungen, die eine glückliche Zukunft versprechen. Doch der geliebte Mann und Vater wendet sich einem jüngeren Weibe zu, um seines eigenen Vorteils Willen. Dabei sind ihm nun die alte Gattin und deren Anhang im Wege. Fort müssen sie, die neue Hochzeit ist schon terminiert. Diese Schmach der Verlassenheit lässt „Medea“ zur Furie werden: Die Rivalin bringt sie giftig ums Leben. Seine Kinder setzt sie dem Vater als Mahl vor. Ihre Handlungen lehren das Gruseln, die Psychoschocker derzeitigen Kinos sind da billiger Abklatsch.

Natürlich kann man solche Mär brutalst möglich inszenieren. Indem Regisseur Markus Bothe auf alles Überflüssige verzichtet, steigert er das Grauen immens. Die Bühne ein Wasserbad all der geweinten Tränen dieser Mutter und Frau. In diesem Becken planschen die Kinder, die von allem nichts wissen. Sie sind voller Unschuld und werden zum Opfer. Im See ein steht ein Appartement, wie es die Neuzeit grad liebt: geschliffen aus edlem Holz, Glas und Kälte. Darin all die, die beim eigenen Fortkommen auf Gefühle verzichten: Kreon, der König (Christoph Müller), seine sprachlose Tochter (Ronja Oehler) und die Gefolgsleute (Philipp Staschhull, Friedrich Steinlein, Yves Hinrich).  Vor diesem erstarrten Leben im Glashaus wütet „Medea“, kommt nicht hinein und will es nicht mehr. Verständnis für ihre verzweifelte Lage hat keiner, wenn sich vielleicht auch die Amme (Lena Drieschner), der Bote (Ellen Hellwig) und ein geneigter Lover (Michael Pempelforth) um sie bemühen. Begreifbar ist „Medeas“ Wahnsinnstat nicht. Soweit die Antike. Doch gibt die Inszenierung auf großer Bühne im Schauhaus zu Leipzig mehr Anlass zum Denken: Ist der Käfig der Etablierten vielleicht das Festland Europa und der Tränensee soll das Mittelmehr sein? Befinden sich all die biedren Gestalten im wohnlichen Zimmer in Quarantäne aufgrund eines Virus, der „Medea“ bereits befiel? Ist das kalte Haus inmitten der Bühne vielleicht gar der Bundeskanzlerin Amt? Kann man das Private von der Politik überhaupt trennbar, und wir wüten querdenkend gegen unabänderlich Festes? Ob der Machtlosigkeit rinnen schlussendlich im Bühnenhaus Tränen, die das Wasser des Elends noch steigen lassen. Fragen zur Zeit, die Kunst stellen darf/sollte/muss.

Bravo! Hier glückt dem Ensemble trotz aller Beschränkungen, die uns die Betonhäuser Berlins gerade verordnen, Kunst. Der Saal (den amtlichen Maßgaben folgend) ausverkauft. Vor allem das junge Publikum, fiel dem Rezensent auf. Kein absichtlicher Laut, kein Murren, Schwatzen und Scharren, kein gelangweiltes Wedeln mit dem Programmheft war im Saale zu hören. Die Zuschauer waren sichtbar beeindruckt. Mehr geht nicht. Danke. Weiterhin viel Applaus.

Annotation:

„Medea“ von Euripides am Schauspiel Leipzig, Große Bühne. Regie Markus Bothe, Bühne Kathrin Frosch, Kostüme Sabine Blickenstorfer, Dramaturgie  Benjamin Große, Licht Jörn Langkabel, Audiodeskription: Maila Giesder-Pempelforth, Matthias Huber, Renate Lehmann, Ina Klose. Besetzung: Anne Cathrin Buhtz als Medea, Denis Petković als Jason, Lena Drieschner als Amme/Chor, Christoph Müller als Kreon, König von Korinth, Ellen Hellwig als Bote/Chor, Michael Pempelforth als Aigeus, König von Athen, Philipp Staschull, Friedrich Steinlein, Yves Hinrichs als Kreons Gefolgsleute, Ronja Oehler als Kreons Tochter, Anton Littger, Lorenzo Vitagliano, Arthur A. Pathak, Theodor Helm als Zwei Söhne Medeas und Iasons

Was noch?

Weitere Vorstellungen:12.11., 19.30 Uhr, 25.11., 19.30 Uhr

Credits:

Premiere 10.10.2020, veröffentlicht 11.10.2020

Foto: © Rolf Arnold

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