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Metamorphosen der Alltäglichkeit – zur Ausstellung „Ästhetik des Banalen zwo“

Metamorphosen der Alltäglichkeit – zur Ausstellung „Ästhetik des Banalen zwo“

Ausstellende Künstlerinnen und Künstler sind Willem Besselink (nl), Werner Fricke, Ricarda Hoop, Eberhard Klauss, Bertram Kober, Maix Mayer, Wibke Rahn und Friederike Warneke.

Die Ausstellung wurde bis 20. September im Harmelin-Haus in Leipzig, Nikolaistraße 59 gezeigt. Ihr Konzept fokussierte die künstlerische, teilweise dokumentarische Auseinandersetzung mit den Besonderheiten der, durch Industrie- und Kulturgeschichte überformten Lebensräume in Europa. Sie reflektiert bzw. erwidert, die durch die industrialisierten Massenproduktion der Alltagsästhetik veränderten Gewohnheiten des Sehens. Installationen, Malerei, Zeichnung und Fotografie werden im Zentrum der Schau stehen.

Die Ausstellung wurde von Sigrid Zimmermann, Heidi Stecker und Petra Kießling kuratiert.

Text zur Ausstellung von Heidi Stecker:
Metamorphosen der Alltäglichkeit

Was ist eine Ästhetik des Banalen? Wir kennen viele Ästhetiken: eine Ästhetik des Widerstands, eine Ästhetik des Hässlichen, eine Ästhetik des Performativen … Eine Ästhetik des Banalen – ist das eine des Oberflächlichen, Unwichtigen? Des Einfachen, des Alltäglichen? Eine Ästhetik des Übersehenen, des Unscheinbaren? Dessen, woran wir uns satt gesehen haben, auch dessen, was uns absurd oder kitschig erscheint? Oder geht es, wenn wir den Begriff des Ästhetischen im landläufigen Sinn als die Lehre vom Schönen, vom Geschmackvollen, Ansprechenden verstehen, um die Schönheit des Alltags? In den Räumen, die uns umgeben? Die sich aber ständig verändern? Geht es also um eine Ästhetik der Veränderung? Wie sie Räume, Orte, Gebäude besonders bildhaft transportieren?1
Diese Ausstellung führt aktuelle künstlerische Positionen zusammen. Zu sehen sind Werke von Willem Besselink aus den Niederlanden, von Werner Fricke, Ricarda Hoop, Eberhard Klauß, Bertram Kober, Maix Mayer, Wibke Rahn und Friederike Warneke. In den Blick nehmen die einen Künstlerinnen und Künstler durch Industrialisierung geformte Orte in Europa, Räume, die eigens für das Arbeiten errichtet wurden, andere konzentrieren sich auf die intimeren Räume der Erholung, des Familiären, des Wohlfühlens. Welche Häutungen haben diese Orte und Räume erfahren, die über Jahrzehnte dem Leben vieler Menschen eine Hülle anboten? Städte wie Leipzig und die Region um Leipzig stehen für die tiefgreifenden Entwicklungen in der Gesellschaft, die geprägt ist durch Industrie und durch Deindustrialisierung.2 Deren Folgen, vor allem die des Einschnittes nach 1989, 1990 sind allenthalben zu sehen. Die Künstlerinnen und Künstler beziehen sich auf gesellschaftlichen und politischen Wandel, mit Installationen, Zeichnungen, Gemälden, Objekten und Fotografien.

Bertram Kober sammelt in seinem Projekt „Transmission“ Szenen der Normalität. Er fotografierte Sende- und Empfangsanlagen in französischen, niederländischen, italienischen und deutschen Landschaften. Die Antennen strecken ihre Fühler in die Luft, als würden sie alles abtasten wollen, empfangsbereit, aber auch stachlig abweisend. Die allgegenwärtige technisierte Kommunikation findet einen geradezu greifbaren Ausdruck in diesen speziellen Behausungen und postapokalyptischen Geländen. Kugeln und Kuben wie Kinderspielzeug und Märchenpaläste machen sich auf Bergspitzen breit. Feinst gesponnene Metallfäden fügen sich zu klaren Körpern und verbünden sich mit dem Gewirr der Büsche. Diese mit Satellitenschüsseln und Antennen bestückten Türme gewinnen eine skulpturale Anmutung. Nahezu flächendeckend überziehen sie mit einem unsichtbaren Wellennetz die mondartigen Landschaften. Es geht immer wieder um die Bildwürdigkeit: Was darf im Bild gezeigt werden? Hohe Gegenstände und gewaltige Themen? Oder die neu zu entdeckende Gewöhnlichkeit, die immer wieder verblüfft, denn sie nimmt immer wieder ein unverhofftes Aussehen an.

Auf den Fotografien von Maix Mayer aus der Serie „Die vergessenen Orte der Arbeit“ fallen Uhren auf, Uhren in Arbeitsräumen, an, wie es scheint, früheren Arbeitsplätzen.3 Zu sehen ist eine Auswahl aus etwa 50 Fotografien von Orten wie dem VEB Zündwarenwerke Riesa und dem VEB Kunstseidenwerk „Clara Zetkin“4. Manche Firmen bestehen noch wie der Nachfolger der VEB Zetti Schokoladen und Zuckerwaren Zeitz. Es sind in mehrfacher Weise Bilder von Vergänglichkeit. Uhren machen Zeit sichtbar. Sie stehen aber auch für Arbeit und erzählen etwas über die Veränderung der Arbeitswelt. Uhren stehen per se für das Vergehen von Leben, aber auch die fotografierten Räume zeigen deutliche Zeichen von Verwahrlosung, Nicht-mehr-Gebraucht-werden, alles bröckelt, alles bröselt. Manches sieht nach einem Zwischenzustand aus, Leitern deuten auf Aufräumen, Sanierung hin; leere Regale warten darauf, befüllt zu werden. Aber selbst wenn die Räume eine neue Nutzung erfahren werden – die Uhren braucht man so nicht mehr. Im 19. Jahrhundert wurden überall Uhren montiert und die Menschen in einem schwierigen Lernprozess dem Rhythmus der Produktion und der Maschinen unterworfen. Heute muten uns diese Szenerien altertümlich an. Wir nutzen heute solche Zeitmesser kaum noch, wie uns auch keine Sirenen mehr zur Arbeit rufen. Überall blinken Ziffernanzeigen. Viele tragen Uhren sehr klein bei sich, als Armbanduhren, sichtbar auf ihren Handys, auf dem Computerdisplay; sie bauen sich ihre Einordnung in die äußere Taktung quasi an den Körper an.5
Sonderedition, ungerahmt, aus „Die vergessenen Orte der Arbeit“

Willem Besselink (NL) spannte feine Holzleisten leicht und elegant durch den Raum. Konstruktionen, die sonst wie ein Skelett hinter Häuten, Fassaden, Putz oder anderen Schichten verborgen liegen, hat er scheinbar vom Inneren nach Außen gekehrt. Die Installation „Heaving Trusses“ („Deinende Spanten“) erinnert an die Konstruktion eines Dachstuhles. Ähnlich wie die großen Uhren von Maix Mayer gibt es diese immer weniger, seitdem andere Dachkonstruktionen wie das Flachdach alternativ verwendet werden können. Sie üben nichtsdestotrotz eine große Faszination aus. Wenn wir in alte Dachstühle schauen, wie sie in alten Fabrikgebäuden zu sehen sind, riechen wir das alte Holz. Heaving Trusses, schwingende Gerüste, Traversen, Fachwerke, Dachstühle sind auf den Kopf gestellt, wie uns manchmal die Welt auf den Kopf gestellt erscheint, denn eigentlich sollten sie ja Stabilität gewährleisten. Sie sind Referenzen an eine Arbeitswelt, an Haus- und damit Lebenskonstruktionen, die sich wandeln. Das Dach über dem Kopf reißt mitunter sogar ein. Die Körper, die leichten Bewegungen, die Spannungen zur Umwelt knüpfen ein Netz vieler Bezüge im Raum.

Ricarda Hoops Zeichnungen strotzen von Dekoren und freundlichen Motiven, zumindest auf den ersten Blick. Es sind solche Elemente, wie man sie vom Wohnzimmerschmuck der Großeltern her kennt, von gebrannten Holzbrettchen, geflochtenen Bastdeckchen, gewebten Wandbehängen, mit denen die gute Stube geschmückt wurde. Früher, als Kind, fand man das scheußlich, heute rührend oder exotisch. Hoops Stillleben und Interieurs mit liebenswerten Tieren wie einem Fasan inmitten floraler Arrangements schmeicheln dem Auge, bis man auf Wattwürmer und giftige Kaiserkrone trifft, die durchaus ihre eigene Schönheit haben, aber giftig oder eklig sind. Würmer werden bildschön klassifiziert und die Sonnenfinsternis ist ein vollendet dunkler Kreis, gefasst von altertümlichen Borten und Posamenten. Hoop bändigt diesen Musterüberschwang mit strengen Strukturen. Die gleichsam gezeichneten Teppiche mit Pflanzengewirr und Tierschmuck weisen optische Brüche auf, die uns davor bewahren, alles Eins zu Eins zu nehmen. Zitate aus der alltäglichen Bildwelt, Strukturen im Kontrast zu frei belassenen Flächen, feinst durchgearbeitete Details, dichte, wie gewebt wirkende, penibel gefüllte Flächen fügen sich zu unheimlichen Landschaften. Sind die Tiere ausgestopft und getrocknet? Sind sie eine Art des Schmuckbedürfnisses und der Präsentation einer Sammelwut, die zu erfassen versucht, „Wie viele Seiten hat ein Ding“? Eine Art der Besitzergreifung und der Kontrolle über die Welt?

Werner Fricke kombiniert in seiner Installation „ÜBERWIEGEND SONNIG“ achtzehn Schwarz-weiß-Fotografien des ehemaligen Bergbaugebietes, des Areals des heutigen „Neuseenlandes“, mit einer Auswahl gefundener Fotografien: Er wählte zehn Schwarz-weiß-Fotografien aus, Laienfotografien der 1960er, 1965er Jahre aus dem Fotografiezirkel Böhlen 6. Es sind Fundstücke aus dem Kulturpalast Böhlen, 1989 oder 1990 in Böhlen, weggeräumt, entsorgt, weil sie niemand mehr brauchte oder wollte. 7 Kumpels aus der Bergbau- und Kohleindustrieregion Böhlen/Espenhain haben sie einst aufgenommen, in ihrer Freizeit dokumentierten sie ihre Arbeitswelt, das Kraftwerk Böhlen und die Tagebaue im Süden Leipzigs. 8 Mit der Nennung der Autoren und Titel der hier präsentierten Fotoarbeiten beginnt der Bildlauf: o. T. (Kühltürme), Otto Brauner; „Kraftwerk Lippendorf“ (Portrait), Johannes Günther; „Aufbau Kraftwerk Böhlen 2“ 1965, Johannes Günther; o. T. (Kraftwerk, Steuerraum), anonym; „Rund um die Braunkohle“, Johannes Günther; „Die Große Schippe des Bergmanns“, Johannes Günther“ „Umbau der Förderbrücke“, Johannes Günther; „Aufbau Kraftwerk Böhlen 2“ 1966, Johannes Günther; „An der Brikettpresse“, Johannes Günther; o. T. (Tagebau), anonym. Fricke zeigt mit seinen aktuellen Fotografien den heutigen Zustand, die gewollten und zufälligen Fügungen: Dem Kapitän am Steuerrad der 1960er Jahre im Kraftwerk sind die schicken Segler der Marinas der neuen Seen benachbart. Ein Stein gewordener Odysseus schaut sehnsüchtig in die Ferne, während die Radfahrer nicht weit sehen können, konzentriert auf die Strecke und im Smog der dicken Luft. Palmen zollen der überwiegend leuchtenden Sonne heute Tribut und schmücken die Inseln strahlend weißer Häuser heutiger Bewohner, während die mächtigen Kühltürme damals im Grau kaum zu sehen gewesen sind.

Eberhard Klauß zeigt sechs Malereien und vier Grafiken, Orte von Arbeit und Räume, wie sie die Zeit der Industrialisierung hervor gebracht haben. Die industrialisierte Geschichte wirkt fast poetisch, zauberisch, improvisiert, aber von Klauß mit kräftigen Pinselstrichen im Gemälde fest verankert und bei den Grafiken zart ausfasernd. Die Strukturen und Oberflächen der Bilder von Klauß leben, bewegen sich, verweisen auf Prozesse, Nichtsprachliches, Unausgegorenes. Die Poetik des Alltags in den Städten und überformten, zerstörten und neu zusammengesetzten Landschaften kann ersehen, erlaufen, erfahren werden. Der Mensch selbst ist zwar nicht zu sehen, aber die Spuren seines Handelns sind allgegenwärtig. Die Räume hier im Harmelin-Haus bilden eine spezielle Folie. Es gibt keine reinen weißen Wände und nichts ist neutral. Sie sind Orte der Verwandlung, der Metamorphose von einer Gestalt in eine andere oder in einen anderen Zustand, die sich wie Häute übereinander schichten.

Wibke Rahns „Heterotopia“ konstruiert eine städtische Landschaft, deren Einzelteile uns bekannt vorkommen, die aber insgesamt keiner uns bekannten Stadt gleicht. Wie unsere Städte, die selten ideal sind bzw. darum wetteifern, die Ideale der verschiedenen Akteur_innen miteinander mal planvoll, mal zufällig zu verbinden, verbindet sich alles zu einem geordneten Sammelsurium. Heterotopien, die anderen Orte 9 wurden von Michel Foucault 10 beschrieben als Orte, die die zu einer Zeit gegebenen Normen zum Teil oder gar nicht erfüllen oder die nach eigenen Regeln funktionieren. Es sind Orte, die wir gemeinhin nicht als wichtig, repräsentativ oder angenehm verstehen, die aber dennoch Bestandteile unserer Gesellschaft sind, an denen viele Menschen, zumal solche, die leicht aus der Wahrnehmung rutschen, platziert sind. Es sind Orte der neuen Arbeit und Vergnügungen des 20. Jahrhunderts, der Subkulturen, die oft als unfein gelten. 11 Die Objekte „Behausungen“ erinnern an Häuser, Buden, wie wir sie auf einem der Fotografien aus Böhlen wiederzuerkennen meinen, provisorisch aussehend. Von Feldern, Fabriken, Flughäfen, Autobahnen scheinen sie uns vertraut, wo sie bestimmte Funktionen erfüllen müssen. Reizvolle Kontraste ergeben sich zwischen den recycelten, angefressenen Bauelementen, dem Rohen und Rauhen zu Zarten. 12 Die Objekte setzte Rahn nachts künstlich beleuchtet in reale Landschaften. Die daraus entstandenen Fotografien „Shelter“, Unterstand, Obdach bieten keinen Schutz, niemand heißt jemanden willkommen. Angehäuft wie in einer Siedlung werden die heimeligen Hütten monoton. Die Maßstablosigkeit lässt die Objekte eigenartig modell- und spielzeughaft wirken 13 und ein diffuses Unbehagen, Gefühle von Unbehaustsein auslösen.

Friederike Warneke präsentiert Objekte und Materialbilder zwischen Malerei und Bildhauerei, sich in dem Raum ausdehnen, bewegen. Das Schlauchmaterial bringt seine plastische und haptische Präsenz ins Spiel, wie Tentakeln greifen wurmartige Schlauchteile ins Leere, andere Schlauchhäute hängen, brutal aufgeschlitzt, wie Rüschen an einem Heterotopia-Kleid und Flug- oder Schwimmhäute an einem Tier. Die armen Materialien, die vielleicht Abfälle waren, aus dem Alltag, der Industrie, dem persönlichen Gebrauch, werden von der Künstlerin in die Fläche gebannt. Das industrielles Material ist seiner ursprünglichen Bedeutung und Funktion enthoben und erleben eine Metamorphose zum Bild. In der Reihung der einzelnen Module, den schmerzhaft geschnittenen weichen Streifen, entsteht eine dichte Struktur. Durch die klare und entschiedene Anordnung ergeben sich Rhythmik und Form. Durch die Flexibilität der Schläuche entsteht Bewegung, Dynamik, ein Rhythmus, in dem sich Gleichmäßigkeit und Regel begegnen. Das pure Material ist seiner eigentlichen Form und Funktion entfremdet und zu Neuem umgestülpt. Das vergraute, vernutzte Schwarz verweigert bekommt etwas Grundsätzliches, wird ein neuer Eigenwert verliehen, die leuchtenden Farbpunkt einen Widerpart erhält.

„Im Raume lesen wir die Zeit“, so zitiert Karl Schlögeli den Zoologen, Geografen und Reisenden Friedrich Ratzel. Wir lesen Orte, Regionen, Landschaften. In vielen Schichten legen sich Ereignisse, Verwerfungen, Veränderungen auf die Territorien und Gemeinden, ideell, politisch und ganz materiell-geografisch. „Geschichte spielt nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum. Schon unsere Sprache läßt keinen Zweifel daran, daß Raum und Zeit unauflösbar zusammengehören. Ereignisse haben einen Ort, an dem sie stattfinden. Geschichte hat ihre Schauplätze.“ii Solchen Schauplätzen sind Willem Besselink, Werner Fricke, Ricarda Hoop, Eberhard Klauß, Bertram Kober, Maix Mayer, Wibke Rahn und Friederike Warneke auf der Spur. Spuren werden überdeckt und wieder aufgedeckt, weil sie uns etwas Wichtiges zu erzählen haben und das Erinnern, das Gedenken und Nachdenken, Eindruck und Ausdruck von uns für bedeutsam erachtet werden.
Karl Schlögel führt weiter aus: „Etwas zur Anschauung bringen können ist nicht die Sache von ein paar literarischen oder rhetorischen Tricks, sondern hat zunächst einmal die Anstrengung, sich eine Sache anzusehen, zur Voraussetzung. Alles bekommt dann ein anderes Aussehen und beginnt zu uns zu sprechen: Trottoire, Landschaften, Reliefs, Stadtpläne, die Grundrisse von Häusern.“iii Kunst kann den Dingen, Umständen, dem Fließenden zu einem anderen Aussehen verhelfen, ihnen eine Form geben. Das Ansehen, dieses anzusehen kann durchaus anstrengend sein, aber auch vergnüglich; die Trottoire, Landschaften, Reliefs, Stadtpläne, Häuser, Plätze, Flüsse vermögen mit unserer Hilfe zu sprechen. Und wir hören ihnen zu. Die Künstlerinnen und Künstler laden uns dazu ein und unterstützen und uns dabei.

Die Ausstellung wurde dankenswerter Weise vom Kulturamt der Stadt Leipzig, dem Unternehmen Vattenfall und dem Verein für Industriekultur Leipzig e. V. unterstützt und ist bis bis zum 20. September 2015 im Harmelinhaus, Nikolaistraße 59, 04109 Leipzig zu sehen.

1 Bedeutet Ästhetik eigentlich die „Lehre von der Wahrnehmung bzw. vom sinnlichen Anschauen“ und „ästhetisch“ wäre demnach alles, was unsere Sinne bewegt, wenn wir es betrachten, so nehmen sich die Künstlerinnen und Künstler dieses Schönen, Hässlichen, Angenehmen und auch Unangenehmen an.

2 Die Vergangenheit steht natürlich in engem Bezug zur Gegenwart.

3 Die Arbeiten sind zwischen 2013 und 2015 im Zusammenhang mit den Publikationen „Spuren der Arbeit“ und „Die vergessenen Orte der Arbeit“ entstanden.

4VEB Schwermaschinenbau Verlade- und Transportanlagen (VTA) Leipzig, Reichsbahnausbesserungswerk Salbke, VEB Polygraph Reprotechnik, Zeitzer Kinderwagenindustrie (ZEKIWA), Kernkraftwerk Stendal (dass allerdings nicht in Betrieb ging und teilweise schon in der DDR abgerissen wurde), VEB Brau- und Malzkombinat Sternburg, VEB Waggonbau Görlitz

5 Manche verweigern sogar das Tragen von Uhren. Wo dennoch große Uhren zu finden sind, scheinen sie eher nostalgische Reminiszenzen zu sein.

6 Die staatlich und betrieblich geförderten und geforderten Zirkel an den Betrieben in der DDR boten vielen Künstlerinnen und Künstlern eine Existenzgrundlage, hatten sie doch durch die Zirkelbetreuung eine gute finanzielle Absicherung. Es ist die Lebenswelt der Macherinnen und Macher, die zum Bild wurde, die es so nicht mehr gibt.

7 Bis zur Wende lagerten sie im Archiv des Kulturpalastes, wurden dann aber aufgeräumt. Auch die Autoren oder ihre Nachkommen hatten keine Verwendung mehr. Die Aufmerksamkeit und Sammelleidenschaft eines Bekannten von Fricke bewahrten die Fotografien vor der Vernichtung. Trotz der Hilfe des derzeitigen Kulturhausleiters in Böhlen, Dietmar Berndt, konnte Fricke mit keinem der Autoren oder deren Familien Kontakt aufnehmen.

8 Nur einige Namen der einstigen Produzenten sind bekannt, sie sind z. T. bereits verstorben. Die Autoren und weitere Beteiligte haben ihre Fotografien teilweise signiert und gestempelt.

9 aus griech. hetero, anders, und topos, Ort

10 in den 1960er Jahren/1967

11 Es sind Räume, die gesellschaftliche Verhältnisse reflektieren, indem sie diese repräsentieren, negieren oder umkehren: Knaste, Bordelle, Jugend-, Alten- und Erholungsheime, psychiatrische Kliniken, Kasernen, Friedhöfe, Kinos und Theater, Gärten, Museen, Bibliotheken, Festwiesen, Feriendörfer, kultische und nicht-kultische Reinigungsstätten, Gästehäuser, Kolonien, Schiffe.

12 Die holzähnlichen Oberflächen sind aus Stahlbeton gegossen?

13 Rahn verweist auf Marc Augé: Sind es Nicht-Orte? Nach Marc Augé sind Nicht-Orte sinnentleerte, transitorische Funktionsorte. Sie sind Zeichen eines kollektiven Identitätsverlustes, „Orte des Ortlosen“. „Der Raum der Nicht-Orte schafft Einsamkeit und Gleichförmigkeit“. Durchstrukturierte, funktionale Landschaften scheinen, diese Nicht-Orte, scheinen sich in immer mehr Bereiche unseres Lebens auszudehnen. Rahns Arbeiten lassen die Brüche zu Tage treten, die die Dinge oft erst auf den zweiten Blick offenbaren. Es geht es um die Organisation von Lebewesen, von Raum nach Maßgabe von Funktionalität, es geht um Orte, die unverhofft nötig sind und die sich die Bewohner häufig selbst schaffen müssen, immer in Bewegung, immer unterwegs. Oder für die Formen der Organisation von Massen erfunden werden müssen, Bahnhöfe, Malls, Straßensituationen. Die zwar für den Alltag wichtig sind, aber in ihrer Gewöhnlichkeit oft aus dem Blick geraten.

i Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. Carl Hanser Verlag, München 2003

ii Ebda. S. 9

iii Ebda. S. 13

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