Home | Theater/Musik | Musik | Zwei Opern mit Telefon in Gera
Zwei Opern mit Telefon in Gera

Zwei Opern mit Telefon in Gera

Einakter von Menotti und Poulenc auf der großen Bühne

Das letzte Wochenende vor der zweiten Theater- und Konzertschließzeit ab 2. November zeigte eine Vielzahl von Möglichkeiten im Umgang mit Hygienekonzepten. Am Theater Plauen-Zwickau teilte man die Premiere von Händels „Tamerlano“ sogar in zwei Abende, von denen die Premiere des ersten am 31. Oktober noch stattfinden konnte und der für den 7. November vorgesehene zweite Teil entfallen muss. Der Geraer Einakter-Abend war keineswegs ein Kompromiss. Beide Werke erklangen in der Originalinstrumentation mit kleinerer Besetzung. Das Philharmonische Orchester Altenburg Gera saß auf der Hauptbühne, die Inszenierung fand auf der hochgefahrenen Orchestergraben statt. Eine ernstzunehmende Produktion zweier Musiktheater-Kleinode mit beträchtlicher Fallhöhe von der Burleske in das Monodrama vom Ende einer Beziehung.

von Roland H Dippel

Natürlich wäre auch eine Herbstpremiere mit vollem Orchestergraben und dem großem großem Theaterchor, der in Gera dieses Jahr sein hundertjähriges Bestehen feiern kann, schön gewesen. Aber so wie hier kann man sich Kammeroper im großen Haus bestens gefallen lassen. Im ursprünglichen Spielplan standen für Ende Oktober am Theater Altenburg Gera Wiederaufnahmen von „Spamalot“ und des überaus gelungenen „Vetter aus Dingsda“. Uraufführungen von Sarah Nemztsov und Steffen Schleiermacher in den Philharmonischen Konzerten, auch die Ballettpremiere „Das Lied von der Erde“ werden verschoben. Dafür zeigt Generalintendant Kay Kuntze vor der für Kultureinrichtungen desaströsen Corona-Schließzeit ab 2. November zwei Kammerkurzopern-Klassiker des 20. Jahrhunderts. Der Boom von Francis Poulencs und Jean Cocteaus „Die geliebte Stimme“ (aktuell auch in Bremen, Hamburg, Dessau) geht also weiter, hier in Kombination mit Menottis Opera buffa „Das Telefon oder Die Liebe zu dritt“.

Der grüne (Stoff-)Papagei im goldenen Käfig schweigt. Aber Lucy schnattert. Und sie spitzt die Lippen. Beim Telefonieren macht sie riesige Stummfilm-Augen und melodramatische Gesten. Es kommt schon vor, dass sie physische mit Tele-Kommunikation verwechselt und zum von Gian Carlo Menotti komponierten Klingelton nach der Puderquaste greift. Der Satz „Ich muss jetzt Schluss machen“, den viele noch von ihren Müttern kennen oder in vordigitalen Zeiten selbst verwendet haben, gellt in den Ohren. Die Sopranistin Miriam Zubieta modelliert ihn aber im samtenem Mezzoforte. Sie gibt eine phantastisch aussehende „Woman in Red“ mit souveränen und kräftigen Stimmkapazitäten. Aber ihr Outfit ist mehr für die telefonische Hörbühne bestimmt als für den Verehrer Ben. In Gian Carlo Menottis Oper aus dem Jahr 1947 für das Heckscher Theatre hat Lucy lange nur für die fernen Fon-Partnerinnen Melodien. Aber den Mann, der ihr vor seiner Abreise etwas Lebenswichtiges zu sagen hätte, fertigt sie ab mit dürren Rezitativen.

Delikat inszeniert Generalintendant Kay Kuntze alle jetzt anachronistischen, doch vor siebzig Jahren vielleicht noch zutreffenden Vorurteile über „Frauen und das Telefon“. Wer verspürte kein Mitleid mit Ben, dessen Rehaugen machtlos sind gegen den schwarzen Wählscheiben-Tyrann und die von Lucy wortreich zerlegten Privatsensationen? Alejandro Lárraga Schleske ist ein zum Schweigen verdammter Rosenkavalier und verteilt an seinen wenigen aussagekräftigen Stellen, die ihm Menotti zugesteht, vokale Sahneschnitten. Trotzdem ist dieser pausenlose 75-Minuten-Abend eine legitime usurpatorische Selbstermächtigung der beiden Sängerinnen. Es wurde ein genüsslicher und melodramatischer Abend, der Corona und die nationale Digitalisierungsmisere zum Glück nicht berührte. Das war keine Vermeidungsstrategie, denn Analogien der beiden Opern zu heute lassen sich unaufdringlich dazudenken.

Das Theater Gera als Boulevardbühne: Elena Köhler stellte auf dem abgedeckten Orchestergraben ein feines Ameublement zusammen – Standuhr und massive Pflanzenständer, nach deren gedrechseltem Holz Poulencs Protagonistin später wie eine Ertrinkende greifen wird. Wichtigstes Dekor ist eine Ottomane, auf der es nie zum Vollzug kommt von dem, was sich Kenner*innen galanter Literaturen ausmalen.

Erst in Francis Poulencs Mono-Oper beginnen die fürwahr existenziellen Zersetzungen und Entgrenzungen. Jetzt ist alles mit weißen Tüchern abgehängt, zwei Herren mit Zylinder transportieren die Möbel ab. Zurückbleiben der graue Himmel, gefasstes Stammeln der Primadonna und große Worte in Projektionen. Poulencs und Cocteaus einsame und in der Verhärmung fast noch schönere Frau versinkt schließlich mitsamt Fragmenten aus Gesagtem und Ungesagtem im Orchestergraben. Jean Cocteaus in Beziehungshackfleisch zertrümmerte Sprache der Liebe nahm bereits 1959 an der Pariser Opéra-comique fast alles aus Roland Barthes‘ berühmten Essay von 1977 vorweg. Die Interpretin muss nicht nur das verborgene Leid über das Ende einer Beziehung erspielen, sondern auch das vom Ex-Partner ins Telefon gesprochene Unhörbare. Anne Preuß ist eine packend intensive Sängerpersönlichkeit: Sie durchbebt, durchhaucht und durchsetzt die implodierenden Schreie hinter Poulencs repetierenden Rezitativ-Strophen. Sie klebt nicht am Hörer und artikuliert mit dem Körper, vor allem mit der Stimme alles – auch das, was auf dem Weg von den Nerven zu den Lippen zerfließen und verhauchen soll. Natürlich geht es um körperliche Sehnsucht in der bleiernen Einsamkeit. Anne Preuß verwickelt sich im Kabel. Kein Abend der Synthese, sondern der Kontraste – musikalische Screwball comedy und Divendrama sollen nicht ganz zusammenfinden.

Der Dirigent Yuri Ilinov spricht selbst die von Menotti erforderte telefonische Zeitansage. Die mittelgroß wirkende Aufstellung des Philharmonischen Orchesters Altenburg Gera versteht sich auf die instrumentalen Kommentarfunktionen beider Partituren. So kann Kuntze vor dem kräftig beschwingten Orchester mit Assoziationen an Magrittes Bilderwelten zur „Menschlichen Stimme“ fast schwarzes Theater machen. Davor entwickelt er in Menottis Komödie eine deutlichst strukturierte Studie von Suchtverhalten: Köstlich, wie Lucy erwartungsfroh auf ein erlösendes Klingelzeichen lauert und immer wieder nach dem attraktiven Telefon-Ungetüm schielt, dessen Draht Ben schließlich mit der Gartenschere kastrieren will. Das gelingt ihm nicht einmal im auf den pastellfarbenen Vorhang projizierten Videos (René Grüner). Trotz halbem Happy-End bei Menotti, natürlich über Telefon, überspielt Kuntze für das in die zweite Corona-Schließzeit entlassene Premierenpublikum eine ironische Erkenntnis-Pille: Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen – schuld ist nur das Telefon.

Annotation

„Das Telefon oder Die Liebe zu dritt“. Opera buffa in einem Akt. Libretto und Musik von Gian Carlo Menotti – „Die menschliche Stimme“. Mono-Oper. Libretto von Jean Cocteau. Musik von Francis Poulenc. Deutsch von Wolfgang Binal. Inszenierung: Kay Kuntze – Musikalische Leitung: Yury Ilinov – Bühne & Kostüme: Elena Köhler – Dramaturgie: Sophie Jira. Besetzung: Miriam Zubieta (Lucy), Alejandro Lárraga Schleske (Ben) / Anne Preuß (Die Frau)

Credits

Besuchte Vorstellung/Premiere 30.10.2020; veröffentlicht: 27.11.2020 (Verspätete Veröffentlichung auf Grund technischer Probleme des Blogbetreibers. Unsere Entschuldigung gilt den Künstlern und dem Autor. )

Fotos © Ronny Ristock

Scroll To Top