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MOCKBA – Der zweite Blick

MOCKBA – Der zweite Blick

Sandra Ratkovic und Rainer Jacob erstatten in der Alten Handelsschule Leipzig Bericht.

Die Fotografien Sandra Ratkovic aus Berlin zieht es erstmals im Sommer 2015 nach Moskau. Der Leipziger Bildhauer Rainer Jacob folgt drei Jahre später mitten im eisigen Winter. Begegnet sind sich die beiden dort nie. Dennoch eint beide Künstler*innen eine gewisse Leidenschaft und Neugier auf das Leben in der russischen Metropole.

Von Dr. Barbara Röhner

 

Rainer Jacob: Wasser und weiß, halbleer, 2019

Im Foto oder Objekt fixiert, erscheint dieses Leben mitunter skurril, ja nahezu widersprüchlich, wenn beispielsweise Demonstrationen militärischer Stärke trotz mancher Entbehrungen im täglichen Leben den Stolz vieler russischer Landsleute weckt. Auch die Vermarktung des eigenen Präsidenten als Popstar im Tourismusrummel löst von außen betrachtet eher gemischte Gefühle aus. Die Zurschaustellung von Luxus und Pracht scheint ebenso ein großes Bedürfnis zu sein, auch wenn es hinter den Fassaden mächtig bröselt. Dazu passen die knalligen Farben, welche in alten Klöstern ebenso anzutreffen sind, wie im Warenangebot von Souvenirständen.

Sandra Ratkovics Fotografien fangen gewissermaßen den Stolz der Menschen ein, wenn diese im farbenfrohen Outfit vor musealen Raketen posen oder ein roter Teppich samt Stretchlimousine die Kulisse einer Hochzeit bildet.

Doch bietet das Beharren auf Äußerlichkeiten den perfekten Blick hinter die Kulissen. Allein Details der Umgebung verweisen sowohl auf die Staffage wie auf reale Bedingungen des Lebens vor Ort.

Die Faszination für das Leben postsowjetischer Bürger wurde bei Ratkovic durch die verlassenen Garnisionsstädte der DDR geweckt. Allein anhand der in der Ausstellung zu sehenden Fotografie eines in Auflösung befindlichen Früchtestillebens an der Wand eines Gebäudes der Garnisionsstadt Jüterbog wird der Wandel der Gesellschaft deutlich. Ein wenig Geschick in klassischer Malerei setzte einst die Anbringung dieses Stilllebens voraus, welches den tristen Kasernenalltag zu verschönern hatte. Vom Zahn der Zeit gezeichnet treten nun darunter liegende Farbschichten zu Tage, die nur eine Ahnung der Gesamtfarbigkeit des Raumes vor Jahrzehnten aufscheinen lassen. Fragen tauchen auf – nach der Urheberschaft, Auftraggebern dieses Bildes, nach Funktion des Raumes wie dem Leben hinter den Kasernenmauern im Allgemeinen und Besonderen. Und natürlich, was ist aus den Menschen geworden, die einst diesen Ort als ihr zu Hause auf Zeit nannten?

Sandra Ratkovic: Melon shop in Krasnogorsk, 2015

Nicht weniger rätselhaft mutet Ratkovics Fotografie eines Melonenshops im Neubaugebiet eines Moskauer Vorortes an. Gleich einer Installation am Wegesrand türmen sich hier Melonen in einem Gitter auf Europaletten. Der Kauf einer besonders schönen Melone im unteren Bereich dürfte sich hier als schwierig erweisen. Der Installationscharakter wird zudem durch die menschenleere Straße verstärkt.

Auf die Übertragung alltäglicher Dinge in Bereiche der Kunst setzen auch die Arbeiten Rainer Jacobs. Auch er präsentiert in der Ausstellung eine Europalette. Hier allerdings zusammen mit einem Mörtel- und Farbeimer aus einem Stück Holz gesägt, was sich aufgrund der verblüffenden Originaltreue erst auf dem zweiten Blick offenbart. Erst die gewollten Risse in den Eimern lassen beispielsweise das Holz des Mörteleimers erkennen. Auch hier eine Hommage an das Alltagsleben, welches vor allem im Kunstbetrieb meist unsichtbar bleibt.

Den berühmten Leitspruch Lenins aufgreifend, „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“, hat Jacob in Moskau vor allem aber eine Vielzahl von in Eis gefrorene Steckdosen und Konterfeie Lenins an die Wände gebracht. Als Fotografie festgehalten offenbaren sich diese kleinen Kunstwerke des Verschwindens wiederum erst auf dem zweiten Blick. Meist im Zusammenhang architektonischer Details oder Graffitis wird eine Steckdose vom Auge gewöhnlich ausgeblendet. Als für unseren Alltag gewöhnliche Objekte erscheinen sie im Außenbereich allerdings weniger sinnvoll. Möglicherweise sind diese Außensteckdosen als subtile Anspielung auf die Absurdität der mathematisch verfassten Formel Lenins gedacht. Denn stellt man diese Formel nach den Gesetzen der Mathematik um, ergibt die Formel Sowjetmacht ist Kommunismus ohne Energie ein recht ungewolltes Ergebnis oder Energie ist Kommunismus minus Sowjetmacht eher Dada. Nicht ohne Ironie findet man in der Ausstellung schließlich eine angeblich auf das 12. Jahrhundert datierte Holzsteckdose aus Moskauer Gefilden.

Weniger ironisch als nachdenklich stimmen dann wiederum die Objekte „Stalinorgel“ und „Stacheldraht“ Rainer Jacobs. Beide sind wiederum aus einem Stück Holz gesägt. Während jedoch das auch als „Katjuscha“ bezeichnete Kriegsgerät mit all seinen Achsen, Rädern und Abschussgerätschaften gleich einem Transformer sich aus einem Baumstamm aufbauen lässt, schwebt der aus einem Weihnachtsbaum geschnitzte Stacheldraht in Hüfthöhe. Dessen Überwindung mag wohl auch hier eine Rolle zu spielen.

Und zur Rekapitulierung alles hier Gesagten lädt zu guter Letzt ein Doppel-T-Träger aus Holz inmitten des Raumes ein, natürlich aus einem Stück geschnitzt.

 

Was noch?

Die Ausstellung schließt am Freitag, den 17. Mai um 19 Uhr in der Aula der Alten Handelsschule mit einer Finissage samt Verwandlung der „Stalinorgel“ in einen harmlosen Baumstamm.

Zur Ausstellung ist der Katalog MOCKBA von Sandra Ratkovic mit einem Vorwort von Wladimir Kaminer zu erwerben, ebenso limitierte und signierte Fotografien von Rainer Jacob wie auch alle ausgestellten Werke vor Ort.

 

Credits:

alle Fotos soweit nicht anders angegeben: (c) ars avanti

 

 

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