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Silberblick auf Operettenkönigin

Silberblick auf Operettenkönigin

Muko Leipzig vor dem Umzug: “Madame Pompadour” im Haus Dreilinden. 

„Auf der Bühne steht SIE: die Massary – und alles ist vergeben und vergessen.“ So schrieb Kurt Tucholsky über die legendäre Diva, die am 9. September 1922 im Berliner Theater sich in der Titelrolle und Leo Falls Operette „Madame Pompadour“ einen Triumph bereitete. Nach dem Ersten Weltkrieg war der europäische Adel mitsamt konstitutionellen Monarchien endgültig passé. Die Operette der Weimarer Republik, insbesondere „Madame Pompadour“ mit dem Textbuch von Rudolph Schanzer und Ernst Welisch reibt sich also nicht mehr am Sozial- und Prestigefälle der feudalen Zeiten, sondern erinnert lächelnd, gewitzt,  frivol – und angstfrei. Daraus macht die Musikalische Komödie eine ausladende Abschiedsrevue.

von Roland H Dippel

Lilli Wünscher, von der Oper Leipzig zur „Operettenkönigin der Musikalischen Komödie“ ausgerufen, vergibt sich nichts für die Positionierung im nicht ganz so hohen Adel. Sie leiht ihre im tiefrot-schwarzen Tüllrock sogar noch mehr blendende Erscheinung einer Marquise, die von König Ludwig XV. erst noch zur Herzogin befördert werden muss. Leo Fall vermeidet in „Madame Pompadour“ musikalisches Kolorit des späten Ancien Régime. In seiner Operette kommt die gewitzte, bildungshungrige Hasardeurin und Mätresse ungeschoren davon. Denn der Seitensprung mit dem Mann ihrer Schwester zerschlägt sich. Diese Malaise setzt sie vor ihrem königlichen Arbeitgeber sogar noch als Tugendstreich in Szene, bevor sie sich im fallenden Schlussvorhang dem nächsten erotischen Projekt mit dem vielsagenden Namen Praliné zuwendet.

Wenn sich die Königin in eine Rolle niederen Stands begibt, rutscht das ganze Ambiente mit ihr von der Bel Etage ins Parterre. Sollte man meinen. Aber im Haus Dreilinden, von dem wir uns vor dem Umzug ins Westbad aufgrund einer mehrjährigen Umbauphase in den kommenden Wochen mittelfristig verabschieden werden, zeigt man sich wider besseres Wissen von der fast verschwenderischen Seite. Tom Grasshof klotzt mit Materialien und Kostümen.

Also gewinnt man bei der zweiten Vorstellung der Neuproduktion den ganzen Nachmittag den Eindruck, als erlebe man das Spektakel aus zwei Perspektiven gleichzeitig: Silberblick auf DAS  ’silberne Operettenzeitalter‘. Diese Phase eindeutiger Kategorisierung ist aber Vergangenheit, weil sich heute jedes Theater und fast jede Produktion eine eigene Positionsbestimmung hinsichtlich des allein seligmachenden Operettenglücks schaffen müssen. Dabei sind regionale Publikumsvorlieben und Expertenmeinungen im aufgeheizten Operettenboom wahrscheinlich noch weniger kompatibel als bei der Oper. In der neuen „Madame Pompadour“ orientiert man sich überwiegend an den vertrauten Erwartungshaltungen der treuen Stammgäste.

Schon der Fuseldunst in der Flirt-Kaschemme „Musenstall“, wo die nach Hautkontakt suchende Madame Pompadour und der in Karnevalslaune vor seiner kreuzbraven Ehefrau Madeleine fliehende René gierig betasten, hat so gar nichts Verruchtes, sondern verfängt sich im recht nobel patinierten Dekorationsrahmen. Tom Grasshoff schwenkt am Hof des galanten Königs Ludwig XV. von Frankreich, der zwischen dem Unterzeichnen von Todesurteilen und ausgedehnten Nickerchen kaum Zeit für die Pompadour findet, mehr in pastellfarbene Sphären. Wie es scheint, nach freudig erregter Plünderung des Kostümfundus. Dazu rauscht und gleißt es aus dem Orchester. Stefan Klingele signalisiert in ausladenden Fortissimi  Eintracht mit dem Farbenfestival auf der Bühne. Er taucht Leo Fall in die satte Leuchtkraft von Lehár, Kalman und Künneke. Davon profitiert am meisten das Buffo-Paar: Andreas Rainer und Miriam Neururer erhalten ein Duett aus Falls von Korngold aufführungsfertig gemachter Operette „Rosen aus Florida“. Lilli Wünscher versengt über dem kraftvoll ausholenden Orchester der Musikalischen Komödie fast alles mit ihrem im Piano metallisch leuchtenden und im Forte lockend abgedunkelten Riesensopran. Im berühmten Couplet dräut weitaus mehr als prickelndes Rollenspiel, mit dem sie dem zukünftigen Hofdichter Calicot zu Leibe rückt. Diese Pompadour spielt Voltaires Frau Potiphar nicht nur – sie ist wie diese. Mit ähnlicher Kraft bleibt der Chor von Mathias Drechsler genau in den Positionen wie abgestellt. So üppig hörte man Falls Operette lange nicht.

In den mit hurtiger Eifrigkeit ablaufenden Dialogen und dem mit vielen Blitzauftritten von Mirko Mahrs kundigem Können angetriebenen Ballett zeigt der genrekundige Klaus Seiffert, dass er die kabarettistische und ironische Komponente von „Madame Pompadour“ nicht aus den Augen verloren hat, obwohl er den Untergebenen kein Wachstumspotenzial zugesteht. Mirjam Neururer bleibt als Belotte immer die Dienerin Pompadours, Komplizentum ist nurmehr Behauptung. Auch die als Gattin des Objekts der Begierde ihrer Schwester in wenig vorteilhafter Position befangene Madeline agiert trotz professioneller Unterweisungen beim Flirten beratungsresistent: Aneta Ru?ková begnügt sich ohne künstlerischen Widerstand mit der Rolle des Mauerblümchens in der Förderstufe zur erotischen Lebensschule.

Eines sieht man in dieser Produktion überhaupt nicht: In „Madame Pompadour“ geht es darum, wie die Mätresse, ein Kneipenrevolutionär und ein Liebhaber anachronistische Hierarchiegefüge durchlöchern. Dafür zeigt die letzte Produktion der Musikalischen Komödie vor dem Umzug ins Westbad mit einer neben dem müden König (Milko Milev) von der Pompadour errichtete Parallelmonarchie. Fast unbemerkt wird der Text abgearbeitet, in dem sie überlegt, wie viel sie riskieren könnte, um noch mehr zu gewinnen.

Radislaw Rydlewski begibt sich als René vor der spätfeudalen Glücksritterin in die vokale Defensive und zeigt dabei genau jenen Charme, mit dem er sich seit vielen Jahren in den Herzen seines Publikums einnistet. Schuld ist das Textbuch, welches ihm ein derartiges Karnevalskostüm vorschreibt: Er ist vor dem Umbau des Hauses Dreilinden tatsächlich der „letzte Freibeuter“.

 

Annotation:

Musikalische Komödie Leipzig – Leo Fall: Madame Pompadour – Besuchte Vorstellung: So 02.06.2019, 15:00 (Premiere: Sa 01.06., 19:00) – Weitere Aufführungen am 07., 08., 11., 22., 23. & 25.06.2019 – https://www.oper-leipzig.de/de/programm/madame-pompadour/76774; Veröffentlicht am 3.6.2019

Musikalische Leitung: Stefan Klingele – Inszenierung: Klaus Seiffert – Bühne und Kostüme: Tom Grasshof – Choreografie: Mirko Mahr – Choreinstudierung: Mathias Drechsler – Dramaturgie: Elisabeth Kühne – Marquise von Pompadour: Lilli Wünscher – Belotte: Mirjam Neururer | Madeleine Aneta Ru?ková | René Adam Sanchez | Joseph Calicot: Jeffery Krueger | König Ludwig XV. Milko Milev | Maurepas Justus Seeger Collin / Prunier Hinrich Horn | Poulard Georg Führer | Caroline Konstanze Haupt | Léonie Franziska Schwarz | Valentine Monika Neesse | Amelie Cornelia Rosenthal | Erste Zofe / Paméla Jana-Maria Eberhardt | Zweite Zofe Claudia Otte | Dritte Zofe Christa Paarsch | Leutnant Praliné Tom Bergmann Österreichischer Gesandter Uwe Kronberg | Boucher Björn Grandt | Tourelle Richard Mauersberger Ballett der Musikalischen Komödie Chor der Musikalischen Komödie Orchester der Musikalischen Komödie

 

Was noch:

Am So 09.06./20.00 gestalten Ensemble, Chor, Ballett und Orchester der Musikalischen Komödie das Abschlusskonzert des Stadtfestes.

 

Credits:

Alle Fotos: © Tom Schulze/Oper Leipzig

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