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Tanzen wir schon den Trump?

Tanzen wir schon den Trump?

Martin Harriague choreograhiert „If you were God“ für das Leipziger Ballett.

Der dreiteilige Tanzabend von Martin Harriague mit dem Leipziger Ballett in einer Kooperation mit dem Schauspiel der Stadt kann heute in einer Woche, am 7. April 19 Uhr, auf der Großen Bühne im Schauspielhaus besucht werden. Selten rufe ich aus so tiefer Überzeugung heraus: Hingehen!

Von Moritz Jähnig

 

24 Tänzer und Tänzerinnen der Leipziger Companie zeigen mit „Prince“, „If you were God“ und „America“ drei kürzere Arbeiten des 1986 in Bayonne (Frankreich) geborenen, mithin 31jährigen Choreographen. Seine Schöpfungen versteht er als „messages of hope, love, tolerance and respect“, wie das Programmheft weiß. Mit den in Leipzig gezeigten Ausschnitten aus „Prince“ hatte Harriague 2016 beim Internationalen Choreografiewettbewerb in Biarritz reüssiert. Die Leipziger Truppe, von Mario Schröder langjährig geschult, liegen förmlich auf diesem Bewegungsvokabular. Es verbindet zeitgenössischen Tanz mit klassischer Form. Harriagues körperbetonten Erzählstil zeichnet ein schier grenzenloser Humor und der Hang zur ästhetisch edlen Form aus.

Im Zusammenhang mit dem jungen Tanzmeister Harriagues wird immer wieder von der Virtuosität des menschlichen Körpers gesprochen, bzw. formuliert er selbst so oder ähnlich sein Konzept. Der dreiteilige Tanzabend in Leipzig belegt das. Immer wieder federn Tänzerkörper wie aus dem Nichts in den Raum, sind da, gewinnen unmittelbare Präsenz, stellen ein Bild, das in dem selben Moment schon wieder versinkt. Während die Tanzenden in ihrer Position innehalte scheint das nächste bewegte Bild auf. Ein Stroposkop der sinnlichen Wahrnehmungen, das seinen Höhepunkt in dem dritten, „America“ genannten Ballett erlebt. 24mal Trump. 24mal kaspert diese Figur über die Bühne. Es erschreckt bis zum Wegrennen und ist hoch ästhetisch zugleich. Das klangliche Material liefern Donald-Trump-Redezitate, die aneinandergeschnitten, weiter und weiter verhackstückt das Grauen zur Kunst werden lassen.

Wenn alle Trump-Masken fallen, sieht man ganz normale Menschen, die nach diesem Schnipselrhythmus durch eine sich verändernde Welt zappelt. Das Sternebanner, Symbol der westlichen Demokratie und menschlichen Freiheit, hängt schief. Die Mauer steht, zentral und unüberwindlich und lebensbedrohend. Auf ihr tanzt wie Gott – der Trump. – Die in dieser Arbeit erreichte Unmittelbarkeit waren ein wirklich sensationeller Moment auf der Großen Bühne des Leipziger Schauspiels. Vor dem inneren Auge des langjährig dieses Haus bedienenden Rezensenten standen plötzlich wieder wichtigen Inszenierungen der Vor-89-Ära. Zum Beispiel „Volker Brauns Übergangsgesellschaft“ (Neue Scene). Damals wie in dem hier besprochenen Abend erweist sich die Kraft des Theaters, ob gestanzt oder gesprochen, besser als eine Nachrichtensendung den Zuschauer über den aktuellen Zustand der Welt informieren zu können..

Die beiden anderen Choreographien „Prince“ und und „If you were God“ stehen im nachhaltigen Eindruck dem nicht nach, wiewohl sie ihre Themen mit anderen Mitteln verhandeln. „If you were God“ rückt seinem Publikum hautnah zu Leibe, wenn der ausgezeichnet moderierende Tänzer Bjarte Emil Wedervang Bruland in den Saal fragt, was jeder zuerst kreieren würde, wenn er Gott wäre. „Renten für alle“, meinte jemand. Und dann ändert sich allmählich die Tonlage. Der Schauspieler Yves Hinrichs formuliert Wünsche und Forderungen und kommt deklamatorisch zu einem pathetisch klingenden Wunschkatalog. Musikalische Beigaben liefern Kompositionen von Nils Frahm oder Richard Swift. Es endet in einem poppoetischen Singsang, den Urania Lobo Garcia und Bjarte Emil Wedervang Bruland glücklicherweise so kraftvoll und innig vertanzen, dass der Zuschauer nicht unbedingt mehr den Wortgeklingel folgt.

Und dann sei noch der Anfang des Abends genannt, der Aufmarsch von egomanischen „Princen“ unterschiedlichster Couleur.  Genderproblematik wird schön und wahr vertanzt. Sie ist heute – zum Glück zumindest in Leipzig – bei weitem nicht mehr so provokant. Tschaikowski-Musik aus verschiedensten Werken, Spitzen und Röcke, Posen und Allüre, Eitelkeit und Einsamkeit, Entmannung? – naja.  Auch aus dieser Choreographie spricht der schon erwähnte große Humor, mit dem Martin Harriague die existenziellen Fragen des Lebens angeht. Angesichts von Situationen, die einen verzweifeln lassen können, ist das ein gutes Angebot.

 

Annotation:

„Prince“, Choreographie, Bühne, Licht Martin Harriague; Musik Peter Tschaikowski; „If you were God“, Choreographie, Konzept, Kostüme, Bühne Martin Harriague; Musik Nils Frahm, Richard Swift, Derrick Brown; Text Derrick C.Brown (dt. Tilman Kootz); „America“, Choreographie, Konzept, Bühne, Kostüme, Licht Martin Harriague, Musik The Shoes, the knife, Octavio Mesa y su conjunto, Nils Frahm, Alva Noto & Ryuichi Sakamoto, Barry White, Vessel; es tanzten Mitglieder des Leipziger Balletts in einer Koproduktion mit dem Schauspiel Leipzig; besuchte Premiere 22.03.2019; veröffentlicht 01.04.2019

 

Was noch:

Nächste Termine sind So, 07.04. 19:30 Uhr – So, 28.04. 19:30 Uhr – Sa, 04.05. 19:30 Uhr – und zum letzten Mal am Fr, 17.05, 19:30 Uhr

Credits:

©  Oper Leipzig/Ida Zenner

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