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Triumph der Feldmarschallin
Der Rosenkavalier. Octavian (Wallis Giunta), Feldmarschallin (Kathrin Göring) © Ida Zenna

Triumph der Feldmarschallin

Die Wiederaufnahme von “Der Rosenkavalier” an der Oper Leipzig

Etwa sieben Jahre liegt die letzte Wiederaufnahme von Richard Strauss‘ und Hugo von Hofmannsthals „Der Rosenkavalier“ an der Oper Leipzig zurück. Jetzt steht die Komödie für Musik wieder auf dem Spielplan, auch zum Strauss-Wochenende am 26. April mit „Salome“ (27. April) und „Elektra“ (28. April). Belebt wurde Alfred Kirchners genau im Geist dieser höchst artifiziellen Oper zwischen Spätbarock und Wien um 1900 schwebende Inszenierung durch drei persönlichkeitsstarke hochkarätige Rollendebüts aus dem eigenen Ensemble: Kathrin Göring als Feldmarschallin, Wallis Giunta in der Titelpartie, Olena Tokar als Sophie. Ein beglückender Abend.

von Roland H Dippel

Wehmut über verrinnende Zeiten, Abgesang auf die große Ära Habsburgs kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, eine mit Anachronismen die polternde Verwechslungskomödie, junge Liebe und erotisches Chaos veredelnde Musik – das alles ist „Der Rosenkavalier“. Eine Oper, in der Strauss fast jede Frauenstimme mit seiner genialen Orchestration zum magischen Leuchten bringt. Am Nationaltheater München fand 46 Jahre nach der Premiere im März 2018 die letzte Aufführung jener legendären Produktion von Otto Schenk und Jürgen Rose statt, die in den ersten fünfzehn Jahren ihrer Laufzeit zum Ideal einer „Rosenkavalier“-Aufführung schlechthin wurde. Auch das ist ein Indiz dafür, dass diese wunderbare Oper über schönen Schein und Vergänglichkeit in einer blitzblanken Neuproduktionen allenfalls durch außergewöhnliche Konstellationen so stark wirken kann wie mit etwas Patina der Dekors, an denen man das „sonderbare Ding“ Zeit zu spüren vermeint.

Gundula Nowack hat viele Details der Inszenierung Alfred Kirchners bewahrt und die neue Besetzung mit beachtlicher Akkuratesse einstudiert. Hier bleibt deutlich, warum die junge Sophie am Ende erstmalig ihr weißes Taschenbuch fallen lässt und warum die älteren, nur wenig reiferen Figuren langsam aus dem Licht in die großen Schatten treten. Deutlich bleibt auch, warum Bühnenbildner Marcel Keller am Ende alle Kulissen inklusive der Bett-Alkoven der feudalen Marschallin und des anrüchigen Beisel-Séparés verschwinden lässt. Ein Triumph der Musik und stellenweise der packend feinen Charakterzeichnung, von Joachim Herzogs stil- und handlungskundigen Kostümen begünstigt, ist dieser Abend. Dazu noch mit einem neben den Strauss-Hochburgen Dresden, München und Wien eigenständigen Profil, welches das Gewandhausorchester unter Prof. Ulf Schirmer für diese sensible Musik stetig aufbaut.

Die ersten fünfzehn Minuten wirken noch allzu gerade und auf Sicherheit bedacht, was sich schnell ändert. Hier sind es vor allem die Holzbläser, die in der Orchester-Dynamik führen und die farbenreiche Grundierung bilden. Der Dialog zwischen dem Graben und der hinter der Dekoration sichtbaren Tafelmusik des dritten Aktes hätte auch für sich Extraklasse. Dabei bleiben einige Feinheiten der Streicher ungehört. Ulf Schirmer vereint die Gegensätze, bringt Sanglichkeit in die Walzer-Apotheosen, in die vielen Instrumentalsoli und sogar noch in die vom Orchester imitierten Geräuschkulissen. Ein Fest.

Einen fürwahr tollen Gast hat man mit dem Österreicher Karl-Heinz Lehner als Baron Ochs. Kein krachlederner Komödiant und nicht dumm, dafür in seiner durchaus gewinnenden Dauergeilheit gefährlich. Neben seinem Vollbesitz aller erforderlichen vokalen und anpackend szenischen Mittel entbehrt auch Lehners Kunstdialekt jeder Niedlichkeit. Er sprengt das Komödien-Format und ihm traut man sofort zu, dass er später zu den ersten verständnisvollen Lesern der „Philosophie im Boudoir“ des Marquis de Sade gehören wird. Eine vergleichbar starke Visitenkarte vergibt Mathias Hausmann als neureicher Faninal, dessen jadegrünes Palais mit den dekorativen Lakaien die fast zu enge Schale für seine baritonalen Wutausbrüche wird.

Von Wallis Giunta ist es allein schon eine imponierende Leistung, in nur sechs Wochen mit den zwei wichtigen Rollendebüts erst der Carmen und jetzt des Octavian herauszukommen. Dabei überzeugt sie weitaus mehr als junger Mann denn als Zofe Mariandl in der notgedrungenen Verkleidungsposse. Dem ersten großen Solo gibt sie durch die lange gehaltenen Töne vielleicht etwas zu starkes Gewicht und findet sich dann immer unbefangener in die von Strauss geforderten Wechsel zwischen Konversation und Melos. Je mehr der 17jährige „Bub“ Octavian von seinen Gefühlen preisgeben darf, um so berückend leichter wird die Tongebung der Mezzosopranistin.

Umgekehrt ist es bei Olena Tokar, die eine zierliche, natürliche Sophie gibt und stimmlich sehr deutlich zeigt, wessen Vaters Kind sie ist. Mit kräftigem Nachdruck in den zielstrebig erreichten statt schwebenden Spitzentönen bei der Überreichung der silbernen Rose und dann in den Irritationen des dritten Aktes wertet sie die Figur deutlich auf. Das lässt sich auch als Bekenntnis zu den Kernkompetenzen eines lyrischen Koloratursoprans verstehen, die Olena Tokar mit ambitionierten Grenzpartien wie Rusalka und Micaëla etwas zu eilfertig hinter sich lassen will.

Das größte Glück beschert Kathrin Göring und stellt damit die korrekte Rangfolge her, in der die Feldmarschallin Marie-Theres‘ Werdenberg die ungekrönte Königin eines „Rosenkavalier“ bleibt, ja sein muss. Es geht um weitaus mehr als die Spannung des zerwühlten Bettes, wenn sich mit bewegtem Nuancenreichtum die emotionale Kluft zwischen der Feldmarschallin und ihrem jungen Liebhaber Octavian gegen beider Wollen immer mehr weitet. Kathrin Göring hat für ihre erste ‚richtige‘ Sopran-Fachpartie über der in dieser Strauss-Partie ungewohnt dunklen, immer aparten Tiefe das perfekt über allen Situationen schwebende, textverständliche Parlando, faszinierende Höhen, gut dosiertes Edelmetall in den Kantilenen und dazu genau jenes undefinierbare Etwas, was ihrer Darstellung den Rang des Außerordentlichen verleiht. Viel Applaus, zu wenige Bravi.

 

Annotation:

Besuchte Veranstaltung: So 06.01.2019, 17.00 Oper Leipzig / Richard Strauss: Der Rosenkavalier (wieder am 12.01., 26.04.)

Veröffentlicht: 08.01.2019/0.10 Uhr

Was noch:

Kathrin Göring singt an der Oper Leipzig Eboli (Don Carlos), Fricka (Die Walküre), Adriano (Rienzi), Fremde Fürstin (Rusalka) u.v.a. – Wallis Giunta singt an der Oper Leipzig Carmen, Angelina (La cenerentola), Rosina (Der Barbier von Sevilla) u. v. a. – Olena Tokar singt an der Oper Leipzig Rusalka, Liu (Turandot), Marguerite (Faust) u. v. a.

Bildquelle:

Der Rosenkavalier . Wiederaufnahme 06.01.2019 // Octavian (Wallis Giunta), Feldmarschallin (Kathrin Göring) © Ida Zenna

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