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Wein, Shisha, Männer: Schuld war der dumme Mond…

Wein, Shisha, Männer: Schuld war der dumme Mond…

Kay Kuntze inszeniert im Theaterzelt Altenburg “Der Vetter aus Dingsda”.

Während der auf etwa 18 Monate veranschlagten Umbauzeit für die Renovierung des Theaters Altenburg beziehen alle Sparten neben dem regulären Spielbetrieb in Gera ein riesiges Theaterzelt am Festplatz. Dort und in der Brüderkirche, dem Logenhaus und im Residenzschloss, das regelmäßig für Konzerte genutzt wird, finden in der Spielzeit 2019/20 Aufführungen aller Sparten statt. Neben Eduard Künnekes Operette „Der Vetter aus Dingsda“ spielt man in Altenburg Wiederaufnahmen des Musicals „Cabaret“ und von Silvana Schröders Ballett „Forever Lennon“.

von Roland H Dippel 

An einem sonnigen Nachmittag ist der Weg vom Teich entlang zum Theaterzelt am Festplatz mit dem schwarz-grau gehaltenen Foyer und sattroten Fauteuils ein Vergnügen. Doch der kurze Schauer während der Vorstellung bestätigt, dass man den von der Bühnentechnik der Hauses mit beträchtlichen Einsatz geleisteten Komfort-Aufbau in der kalten Jahreszeit brauchen wird.

Im Bild vorn Benjamin Popson als 1. Fremder, Anne Preuß als Julia de Weert, mitte Álfheiður Erla Guðmundsdóttir als Hannchen, hinten Eva-Maria Wurlitzer als Wilhelmine

Trotz frühherbstlicher Temperaturen spielt das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera in kürzärmeligen Hawaiihemden. Battavia ist überall, die vielen hübschen Mädchen auch, die bösen Onkel der einen wie der anderen Couleur erst recht. Für Kapellmeister Thomas Wicklein, der Paso Doble, sinfonischen Tango und schmelzendes Volkslied-Fake mit wuchtiger Grandezza angeht wie dereinst Franz Marszalek in den legendären WDR-Aufnahmen, ist es in 30 Jahren am Theater Altenburg-Gera der zweite „Vetter aus Dingsda“. Was Generalintendant Kay Kuntze, der die erschwerten Bedingungen für die Regie der 1921 im Berliner Theater am Nollendorfplatz uraufgeführte Operette keinem Gast zumuten wollte und deshalb lieber selbst übernahm, zu dieser poetisch-parodistischen Männersuche einfällt, ist bestens geraten. Kuntze, derzeit für den Theaterpreis „Der Faust 2019“ in der Kategorie „Regie Musiktheater“ für „Die Passagierin“ am Theater Gera nominiert, zeigt nach der beklemmend stillen Szenensprache für Weinbergs KZ-Oper für den „Vetter aus Dingsda“ einen herzlichen, eindeutigen, frechen Zugriff.

Miefig ist an der Geschichte von Julie, die sich von Onkel und Tante wegträumt zum Aufbruch vor sieben Jahren innigst angeschwärmten Vetter Roderich in Dingsda, ähhh Battavia, im Theaterzelt überhaupt nichts. Beim dicken Onkel Josse (Johannes Beck) ist Herbst in der Hose, doch bei allen anderen flattern die Schmetterlinge im Bauch, im Kopf und zwischen den Beinen. Matthias Rümmler setzte auf die Spielfläche im Theaterzelt (dort gibt es sogar eine Drehbühne, dass alle Produktionen mit vollem Aufwand von den anderen Spielstätten übernommen werden können) ein hypermodern-trashig-spießiges Environment: Die Möbel aus Pizza-Cartoons sind zeitgemäß und eine Matratze uner Batiktüchern lädt ein zu Shisha und dem gemütlichen Joint zwischendurch. Am forschesten zeigt Tante Wimpel mit pinkem Rock über wohlgeformten Beinen (Eva-Maria Wurlitzer), wie sie sich in JEDER Hinsicht für den aufreizend fremden Gast begeistert. Egon von Wildenhagen (Florian Neubauer), der wie kein anderer benutztes Blumenpapier sorgfältig zusammenfalten kann, wirkt viel sympathischer als sonst und wäre im Männerangebot des Stücks sogar eine luxuriöse Alternative. Schuld ist nur das Textbuch von Herman Haller und Rideamus, dass er hier bei den Frauen kein Glück haben darf. Julia alias Anne Preuß hat also bei so einer Seelengespielin wie Álfheiður Erla Guðmundsdóttir als Hannchen, die zusammen mit Gustavo Mordente Eda ein fulminanter Ensemblekick aus dem Thüringer Opernstudio ist, gar keinen Grund, den Kopf hysterisch über die Toilettenbrille zu hängen. Für sie würde der nette Gast sogar auf den Kuss verzichten und sofort bei ihr übernachten. Rümmlers blickfängerische Kostüme sind gespickt mit Andeutungen an die 1920er und 1970er Jahre. Die noch wildere Bühnenphantasie aber sieht man im großen Mond, der offenbart, wie sich Julia die Liebe vorstellt. Backfischträume sind weitaus zahmer als Julias von drängender Glut durchbebten Visionen. Eindeutiges bringt Kuntze den ganzen Abend ins Spiel. So wird aus der niedlichen Schmonzette mit Künnekes phantastischer Musik ein Stück, in dem nicht nur junge Menschen mit viel Herz und etwas Schmerz um sexuelle Freiheit und Identität ringen.

v.l.n.r. Álfheiður Erla Guðmundsdóttir als Hannchen, Florian Neubauer als Egon von Wildenhagen

Das Operettengenre kommt dabei gewiss nicht zu kurz, aber mit ungewöhnlich viel Zündstoff, Biss und Stoßkraft. Für den Ersten Fremden gibt es mit Benjamin Popson einen überwältigend natürlichen und schön singenden Gast, welcher mit Anne Preuß, der auch in dieser Operettenpartie eine packende und hochindividuelle Gestaltung gelingt, Mut zu beiden Strophen vom „lachenden Augenpaar“ hat und das Publikum mit seinem verführerischen hohen H aus der Bodenluke um den Finger wickelt. Beim Batavia-Fox gibt es in grüner Papageien-Kleidung springfreudige Verstärkung aus dem Kinderballett. Trotzdem ist nichts an dieser Inszenierung naiv. Bei aller erotischen Deutlichkeit kommen vom ganzen Ensemble ernstzunehmende und fast durchgängig sympathische Figuren, die den Appell des Regisseurs zu so viel Freiheit und Frechheit wie möglich erst nehmen. Ein Kabinettstückchen liefern die beiden Diener Hans und Karl alias Kai Wefer und Ulrich Burdack. Sie gehen mit phantastischen Knarren und Sonnenbrillen durch das Stück, als hätten die Blues Brothers bei der Mafia ein Schnupperpraktikum hinter sich. Was sie eigentlich suchen, verrät kundigen Theaterbesuchern das von Gustav Gründgens bekannte „Oh Gott, was sind wir vornehm“ aus Künnekes in Altenburg uraufgeführtem Singspiel „Liselott“. Alle Figuren haben Schneid, Gefühl und gerade deshalb Witz.

Auch Wickleins musikalische Leitung zeigt Schmackes und Liebe für Künnekes Melodienfülle. Allenfalls an der etwas dumpfen Verstärkung der mit Mikroports singenden Solisten und des vordergründig lauten Orchesters merkt man, dass die Beteiligten mit dem ungewohnten Spielraum noch nicht ganz vertraut sind. Das passt nicht einmal zu den melodramatischen bis pathetischen Aufschwüngen, in denen Kuntze Julia und ihren Liebsten mit Tristan-haften Pathos schminkt. Damit nimmt er das musikalische Lustspiel des Bruch- und Humperdinck-Schülers Künneke noch immer ernst. Trotzdem ist es vor allem der Batavia-Fox, den man in dieser wunderbaren Aufführung nochmal hören will. Und wieder – und immer wieder…

 

Annotation:

Premiere Altenburg am 29.9.2019 /besuchte Vorstellung 10.10.2019/veröffentlicht 13.10.2019/ wieder am 26. und 28. Dezember 2019

Premiere Gera am 24. April 2020  / Informationen zur Produktion und Tickets: https://theater-altenburg-gera.de

Creditis:

alle Fotos: Ronny Ristok

 

 

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