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Wirrnis und die Haare schön

Wirrnis und die Haare schön

„Unter der Haube“ verwandelt sich Anke Geißler bei den academixern in Volkes Stimme.

Klischee? Natürlich lagen auch schon ehedem beim Frisör die Zeitungen über Klatsch und Tratsch und Styling, ganz früher gar der Eulenspiegel und das Magazin. Es ist stehende Redewendung, dass man seinem Frisör erzählt, was keiner sonst von einem hören möchte: Kinder, Scheidung, Kredit und Politik. Damit ist die Frisierstube einer jener der geschützten Räume, in dem das Leben wirklich spielt. Und es sei jedem Politiker, nicht nur angesichts heutiger Miseren, wärmstens empfohlen, stundenlang dorten Volkes Stimme zuzuhören. Anke Geißler hat’s getan und ein Programm daraus geschnitten und lässt nun eine stattliche Anzahl von Kunden bei Meisterin Petra Altdorf sich die Haare machen.

von Henner Kotte

Anke Geißler hat sich mit all ihren komischen Typen längst ins Herz des Leipziger Publikums gekabarettet. Nun kommen neben den altbekannten ein paar neue Kunden hinzu. Der – wie sagt man – Frisörin? Haircutterin? Barbeuse? gar Beschneiderin? klingelt gleich zu Beginn die Katastrophe in den schönen Laden: Töchterchen Theresa will heiraten. Doch nicht den adretten Oliver, den Mutti längst schon ausgesucht – nein, einen Fitnesstrainer mit – sagen wir mal – beschränktem Horizont. Der Mutter Zukunftsträume sind dahin. Dann sitzt die alte Schachtel von Lammezahn auf ihrem Stuhl und philosophiert, wie sie die Welt verbessert. Die Slam-Poeteuse macht sich darauf ihren Reim. Ehemann und Gärtner Dieter sorgt sich, ob fürs Familienglück bei der Theresa das Geld auch reicht, denn was verdient ein Fittnessjunkie, wenn er kein Modell oder Influenzer ist? Frau Doktor med. trägt die Nase sehr weit oben und designt für Paare echte Kinder. Da braucht’s dann weder Sex noch Hoffnung, der gute Deutsche läuft vom Band. Und Strähnchen, ja, die sind nicht leicht zu machen, Zwischentöne eben auch.

Wandlungsfähig ist Anke Geißler, des Salones Einzelkämpferin, auf alle Fälle, doch bleiben all die von ihr behandelten Figuren stilistisch diesmal seltsam wischiwaschi wie die Frisuren. „Meine Hand für mein Produkt!“ Dass eine Meisterin des Handwerks sich solch einen Krautsalat auf den eigenen Kopf fabriziert wie Meisterin Petra, scheint mir doch reichlich ausgeschlossen. Vertrauen hätte ich zu dieser Frisörin? Barbeuse? und ihrer Handwerkskunst nicht. Das eben ist so ein bissel das Problem vom Abend: Richtig unverwechselbar ist keine de auftretenden Personen, ihre Haltungen vorhersehbar.

Auch die Pointen kommen nicht so richtig auf den Punkt – wie die Frisuren. Da muss man nachschneiden. Was jedoch nicht problematisch: Gründlich waschen, dann dort noch ein Fitzelchen weg, dort eine Lockendrehung hinzu. Dann kann auch die Petra Altdorf stolz auf ihre Arbeit sein, und das Publikum wär’s zufrieden. Stimmlich begeistert sie ohnehin mit flotten Liedchen, die einfühlsam von Enrico Wirth am Klavier begleitet werden. „Einer ist immer der Dumme!“ könnte als verbindendes Motto über dem Soloprogramm stehen. Vergnüglich ist es allemal.

Und tragisches Ende aller Zukunftsphantasien: Mutti muss den muskelgestählten Fitnesstrainer als Schwiegersohn akzeptieren. Oliver ist bereits verheiratet mit Kay – nem Mann. Da sitzt der Gag und Petra rauft sich die Haare. Schön.

 

Was noch?

Die nächsten Vorstellungen:

26., 27. 06. academixer-Keller, Kupfergasse 2

23./24. 08. Paulaner-Palais, Klostergasse 5

11. 09. academixer-Keller

Credits:

besuchte Vorstellung Premiere; erschienen 20.06.2019

alle Foto © Stefan Hoyer; Bearbeitung Raum II

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