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Zum 150. Geburtstag von Siegfried Wagner: Kein Heldenleben, keine Legende, viele Fragezeichen

Zum 150. Geburtstag von Siegfried Wagner: Kein Heldenleben, keine Legende, viele Fragezeichen

Den Beschäftigungen mit Siegfried Wagner (6. Juni 1869 bis 4. August 1930), dem Sohn Richard Wagners und Cosima von Bülows, haftet oft etwas Gezwungenes an. Dabei ist Bayreuths Festspielleiter als Repräsentant des nationalsozialistisch orientierten Kreises um den Wagner-Clan, als ein homosexueller Neigungen erpressbarer Mann, als Stammhalter der Wagner-Dynastie und als Komponist von Opern, die meist nur nach geduldigen Initiativen der Internationalen Siegfried-Wagner-Gesellschaft gespielt wurden, eine spannende Persönlichkeit. Um seinen 150. Geburtstag gibt es es mehrere Memorabilien, doch außer einigen Konzerten und dem Gastspiel einer Wiederaufnahme seiner Märchenoper „An allem ist Hütchen schuld“ im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth durch das ppp-Musiktheater konnte sich bisher kein Opernhaus zu einer Neuproduktion zum Jubiläum entschließen.

von Roland H Dippel

Selbst die von intensivem Medieninteresse begleitete Ausstellung im Schwulen Museum Berlin 2017 hatte keine Auseinandersetzung mit Leben und Werk von Siegfried Wagner und einen Vorstoß der Rezeption zu größerer Breitenwirkung einleiten können. Die Initiative zu einem Gedenkpaket parallel zu den Bayreuther Festspielen geht von der Internationalen Siegfried-Wagner-Gesellschaft (ISWG) aus, aber nicht von der Festspielleitung, deren Einladung zu einer Podiumsdiskussion über Werk und Wirkung am Vormittag des 30. Juli 2019 mehr als distanziert anmutet. Die Beurteilung dieser Nichthaltung schwankt mit dem Phänomen Siegfried Wagner Vertrauten zwischen „Gleichgültigkeit“ und „Missachtung“. So formulieren es Anhänger der Person und des Komponisten.

 Die Ausstellung des Richard-Wagner-Museums Bayreuth versprach eine „Spurensuche nach dem Sohn, Künstler, Festspielleiter und Menschen Siegfried Wagner“, die mit durchaus eindrucksvollen Originaldokumenten aus den eigenen Beständen die Schwerpunkte auf den Festspielleiter und gemäßigten Hitler-Sympathisanten legte. Diese Sonderausstellung lief allerdings nur bis Ende April und konstatierte, dass Siegfrieds Opern nach den Uraufführungen, die mehrfach an den Bayreuth nahestehenden Hoftheatern München und Karlsruhe stattfanden, keine Kassenschlager wurden. Für die internationalen Gäste zur Bayreuther Festspielsaison widmet man sich um die Villa Wahnfried lieber Siegfrieds Sohn und Katharinas Vater, dem Werkstatt-Wagner-Prinzipals Wolfgang.

 Die angekündigte Ausstellung zu „Leben und Werk Siegfried Wagners“ im Alten Schloss Bayreuth legt den Schwerpunkt auf die Beziehung Siegfrieds zu bildenden Kunst“ und wurde von der ISWG initiiert, genau wie die Ausstellung „Hütchen reloaded“ im Klavierhaus Steingraeber. Feridun Zaimoglu und Günter Senkel schreiben für die Bayreuther Kulturbühne Reichshof, die in einem 1927 erbauten ehemaligen Kino spielt, die theatrale Hommage „Siegfried“.

 Gleich zwei Ausstellungsaufträge gingen an „artes-projekte“ (Dr. Verena Naegele und Sibylle Ehrismann), die mit einem identischen konzeptionellen Kern die Ausstellungen „So wird mir der Weg gewiesen Siegfried Wagner (1869 – 1930)“ im Richard-Wagner-Museum Tribschen / Luzern, also am Domizil Richard Wagners und Geburtsort Siegfrieds (bis November 2019), und „Siegfried Wagner – Der fremdbestimmte Sohn“ in den Wagnerstätten Graupa (bis 16. Februar 2020) realisierten: Multimediale Environments mit Nischen für Dokumente und Gegenstände aus den eigenen Beständen der beiden Museen.

 Anders als die fragmentarische Ausstellung des Richard-Wagner-Museums Bayreuth unternimmt „artes-projekte“ wenigstens den Versuch, die schillernde Persönlichkeit Siegfried Wagners mit zwangsläufigem Risiko und Mut zur Lücke zu porträtieren. Das bewegt sich zwischen den Polen einer Filmaufzeichnung von einem Besuch Siegfried Wagners in Weimar bei Elisabeth Förster-Nietzsche im der nationalsozialistischen Ideologie sehr aufgeschlossenen Weimarer Nietzsche-Archiv (1929) und Einblicken in die poetischen Welten von einigen der 14 vollendeten Opern Siegfried Wagners.

Die Ratlosigkeit und Verlegenheit gegenüber der Person Siegfried Wagner hat sich also noch immer nicht geändert. Wie auch? Der Schmuckband „Siegfried Wagner und seine Kunst“ mit Texten des Bayreuth-nahen Richard-Biographen Carl Friedrich Glasenapp mit Zeichnungen von Siegfrieds engem, sich im Jahr 1941 outenden Freund Franz Stassen, dessen homosexuelle Bildinhalte in anderen Arbeiten des Künstlers deutlicher zu erkennen sind, ist bereits 1911 der Versuch, die offizielle Bayreuther Hagiographie mit der individuellen Persönlichkeitstextur des „begehrtesten Junggesellen Deutschlands“ zur parfürmiert-markanten Synthese zu bringen.

 Mit Peter P. Pachls Siegfried-Biographie „Genie im Schatten“ (1988) begann der Versuch, Siegfrieds Persönlichkeit, Schaffen und menschliche Positionen differenziert zu betrachten, Wenige Fachinteressenten warfen sich mit heftiger, mitunter leidenschaftlicher Anteilnahme in die oft subjektiv ausgetragenen Diskussionen. Publikationen wie der Symposiumsband zur posthumen Uraufführung von Siegfried Wagners „Die heilige Linde“ (Philharmonie Köln 2001) und die seit 1990 entstandene Reihe von Operneinspielungen vor allem bei den Labels Marco Polo und CPO brachten keinen Anschub.

 Auf den Bühnen ist das Schaffen Siegfried Wagners allenfalls marginal vertreten. Auf den Konzertplänen sieht es, abgesehen von vereinzelten Schauplätzen in Berlin und Bayreuth, nicht viel anders aus. Sogar ein renommierter Dirigenten wie Frank Strobel, der als führender Experte für Filmmusik-Partituren von der Stummfilmzeit bis heute über ein äußerst subtiles Gespür für musikalische Dramaturgie verfügt und sich als Präsident der ISWG für das Schaffen Siegfrieds wie in der Danziger Produktion von „Der Schmied von Marienburg“ und im August von „An allem ist Hütchen schuld“ einsetzt, konnte bislang für Siegfried Wagner keine Lanze mit Breitenbasis brechen.

 Fast traurig also: Trotz der Begeisterung von Sängerinnen wie Dagmar Schellenberger und Roman Trekel für das Opernschaffen Siegfried Wagners und dessen Verfügbarkeit auf Tonträgern muss man sich neben der erstarkenden Präsenz von Korngold und Zemlinsky auf dem Spielplänen die Hoffnung für den Popularitätsschub Siegfried Wagners noch etwas gedulden. Auch der 150. Geburtstag Siegfried Wagners ändert offenbar wenig daran, dass man diesem allenfalls einen mehr oder weniger achtungsvollen Nischenplatz widmen will.

 

Annotation:

Siegfried Wagner – Der fremdbestimmte Sohn – 21. Juni 2019 bis 16. Februar 2020, Wagnerstätten Graupa: www.wagnerstaetten.de – Festprogramme zum 150. Geburtstag Siegfried Wagners: http://www.siegfried-wagner.org/html/termine2019.html

Credits:

Beitragsfoto: Vortrag zum 150. Gebursttag von Siegfried Wagner vor der Richard-Wagner-Gesellschaft Leipzig am 11.06.2019. Referent Roland Dippel (M). © moritzpress

historische Fotos: Archiv Dippel

Veröffentlicht: 26.06.2019

 

 

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