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Zwischen Moldau und Wolfsschlucht
Stephan Biener (als Pförtner-Teufel), Don Lee (als Luzifer), KS Ulf Paulsen (als der Teufel Marbuel)

Zwischen Moldau und Wolfsschlucht

Dvořáks „Katja und der Teufel“ in Dessau.

Manche Repertoire-Akkumulationen kommen wie aus dem Nichts und haben doch ihren Grund. Infolge des Jubiläums 100 Jahre selbständige Tschechische Republik am 28. Oktober 2018, das man unter anderem im Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz für eine fokussierte Darstellung der Beziehung zwischen Sachen und Böhmen und zur Reihe „LEIPZIG 2019 TSCHECHIEN“ aufgriff, machte das Anhaltische Theater Dessau eine bemerkenswerte, musikalisch satte, kraftstrotzende Entdeckung.

von Roland H Dippel

Rita Kapfhammer (als Katja), Herren des Opernchores

In der ehemaligen DDR wurde Dvořáks „Katja und der Teufel“ wenigstens ab und an gespielt wie zuletzt in den Wendejahren am damals noch eigenständigen Theater Zwickau, in den alten Bundesländern aber so gut wie gar nicht. Dabei müssen es nicht immer „Katja Kabanowa“ (Radebeul), „Verkaufte Braut“ (Dresden seit März 2019 und Leipzig ab 15. Juni) oder “Rusalka“ (Leipzig) sein. Wenn sich in Dessau nach der Freude über diesen Fund überhaupt jemand beklagen dürfte, dann das Ballett wegen Unterbeschäftigung trotz musikalischer Überfülle. Ein Luxusproblem angesichts der Applausstürme bei der zweiten Vorstellung. Antonín Dvořák wollte in seinen letzten Lebensjahren nur noch für die Bühne komponieren. Vor „Rusalka“ vollendete er die andere Märchenoper „Čert a Káča“ (op. 112 ), die seit ihrer Uraufführung im Prager Nationaltheater 1899 in Tschechien zum Standardrepertoire gehört.

Vorurteil: Haare auf den Zähnen

Ein bisschen verschroben ist sie schon, die Katja. Ihre hager-ärmliche Mutter hat den letzten Spargroschen in deren Sonntagskleid investiert. Trotzdem beißt kein Kerl an. Am Ende der in Dessau in der tschechischen Originalsprache gesungenen Märchenoper wird Katja für einige Minuten doch noch zum Star. Antonín Dvořák und Adolf Wenig liebten diese Figur aus Božena Němcovás Märchensammlung, die nur im Ernstfall die an ihr gefürchteten Eigenschaften zeigt – vor allem ein lebhaftes Mundwerk und physische Kraft: Mit der reitet sie sogar den Teufel, nicht er sie. Katja sagt deutlich, was sie denkt und will. Sie darf man nicht denunzieren! Deshalb spielt Rita Kapfhammer sie ein bisschen ungelenk, fast sympathisch. Kapfhammers feinherber Mezzosopran weist Katja als grundehrliche und eigentlich unproblematische Zeitgenossin aus, die einfach ihre Wünsche etwas deutlicher artikuliert als andere. Sie switcht mit feinem Humor und hinreißender Stimmcharakterisierung zwischen den sozialen Rollen Mauerblümchen, Xanthippe und verkannte Perle.

KS Ulf Paulsen (als der Teufel Marbuel), Rita Kapfhammer (als Katja), Damen und Herren des Opernchores

Jakob Peters-Messer fängt in seiner Dessauer Inszenierung genau das Richtige an mit den Figuren, von denen jede durch Sven Bindseils Kostüme treffend skizziert wird: Realistische Joppen und Festtagsschürzen für das ländliche Proletariat, rosa Fräcke für die elegant bis koboldartigen Teufel und düster lockendes Lila für die Fürstin mit Neigungen für unsagbare Ausschweifungen. Eine Hölle von klischeehaftem Zuschnitt wie im Chemnitzer „Teufel auf Erden“ wollte man nicht, aber dicke rote Schweife gibt es auch in Dessau massenhaft für alle diabolischen Geschlechter. Nigel Watsons Choreographie gelingt nur matt, obwohl ihm – was für ein Luxus! – das Ballett des Anhaltischen Theaters komplett zur Verfügung stand. Die höllischen Sinnenfreuden bleiben da weit hinter dem zurück, was sich Katja ausmalt. Markus Meyer treibt die Raumlösung mit gelben Zellen für ein Märchen in der Abstraktion eine Spur zu weit. Trotzdem: Szenische Zurückhaltung passt zu dieser Handlung besser als die Flucht nach vorn mit Knallchargen und grober Possenreißerei.

Der Teufel kommt zum Tanz

 Von Dvořák mit tollen Melodiegebilden bedachtes Landvolk wird ausgepresst durch Frondienst, Arbeit gibt es auch an Feiertagen. Auch deshalb gefällt es Katja in der Hölle, wohin sie der elegante Teufel Marbuel unter Vorspiegelung halbgarer Tatsachen lockt, so gut, dass sie dortbleiben will. Das wird den Teufeln doch zu viel und deshalb soll sie der Schäfer Jirka Katja herausschaffen, zudem den das Volk auspressenden fürstlichen Verwalter vor dem Teufel ‚retten‘ und von diesem dafür eine fette Belohnung einstreichen. Auch die Fürstin kommt, anders als von den Teufeln beabsichtigt, fünf Minuten vor zwölf ungeschoren davon. Sie bereut ihre Sünden, schafft den Frondienst ab, macht Katja reich und Jirka zum ihr nahestehenden Minister…

Der Textdichter Adolf Wenig verzichtete, soweit aus den Übertiteln mit der Übersetzung Kurt Honolkas erkennbar, auf eine Psychologisierung und plausible Motivation der Figuren. Dvo?ák minimiert mit seiner Musik alle Kontraste zwischen Arm und Reich, Groteske und Poesie mit symphonischem Edelschmelz und vier äußerst dankbaren Partien: Das, was in seiner Oper „Der Jakobiner“ als schwelgerisches Strophenlied an exponierter Stelle steht, hört man in „Katja und der Teufel“ zwei kurzweilige Stunden lang: Die Partitur ist eine Hymne an die tschechische Musik wie Smetanas „Verkaufte Braut“, allerdings weitaus mehr stilisiert, üppiger und etwas manieriert. Der Teufel Marbuel und Luzifer sind eher belcanteske Grandseigneurs als Schelme. Echte Diabolik und Dämonie gibt es in „Katja und der Teufel“ nicht.

Reue und Polka

Cornelia Marschall (als Kammerfrau), KS Iordanka Derilova (als die Fürstin)

Dessau liefert eine festspielwürdige Gesamtleistung. Die Anhaltische Philharmonie unter Elisa Gugou spielt großartig – das Dessauer Ensemble ist souverän. Es war eine intelligente Entscheidung, für die umfangreiche Partie des Jirka den mit tschechischem Kernrepertoire, italienisch-französischen Partien und Operetten von Dresden und Prag bis Pilsen und Brünn umtriebigen Richard Samek zu holen. Mit Ulf Paulsen (Teufel Marbuel) und Don Lee (Luzifer) wäre die Fürstin höchstwahrscheinlich genauso gern in die Hölle gekommen wie Katja. Iordanka Derilovas üppig strahlender Sopran macht noch neugieriger auf das Vorleben der Fürstin, über die Dvořák und Wenig einen äußerst vielsagenden Mantel des Schweigens breiten. Ideale Vorstudie für Janaceks „Die Sache Makropulos“, die ab 25. Januar 2020 in Dessau zu erleben sein wird. Der Chor unter Sebastian Kennerknecht, Nebenrollen (stellvertretend erwähnt seien Constanze Wilhelm und Cornelia Marschall) sowie die gesamte Dessauer Crew hinter der Bühne kreieren ein Glanzstück par excellence.

 

Annotation:

Anhaltisches Theater Dessau – Antonín Dvořák: Katja und der Teufel – Wieder am Sa 28.09.2019, 16:00 – So 20.10., 17:00 – Sa 09.11., 17:00 – Fr 06.12., 19:30 – Sa 21.12., 16:00 – Sa 04.01.20, 16:00 (Premiere: Sa 25.05.2019, 19:30 – Besuchte Vorstellung: Sa 01.06., 17:00); veröffentlicht am 06.06.2019 – www.anhaltisches-theater.de

Credits:

alle Fotos: © Claudia Heysel

 

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